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Neue Attacken im Strittmatter-Streit

Spremberg. Die Mehrheit der Spremberger Hauptausschuss-Mitglieder hat sich am Montagabend gegen eine städtische Ehrung des Schriftstellers Erwin Strittmatter zu dessen 100. Geburtstag ausgesprochen. Lediglich Ilona Schulz und Elke Franke (Die Linke) verteidigten das Ansinnen in der erbitterten Diskussion vehement – während Egon Wochatz (CDU) sich am Ende der Stimme enthielt. Von René Wappler

Kurz vor 20 Uhr greift Andreas Lemke an. Der Chef der Fraktion SPD-FDP-Pro Georgenberg/Slamen kritisiert den CDU-Politiker Egon Wochatz: Dieser habe "als bedingungsloser Strittmatter-Fan mit dessen Vergangenheit scheinbar wenig Probleme". Auch die Spremberger Landtagsabgeordnete der Linken, Birgit Wöllert, könne mit der Stasi-Belastung Strittmatters gut umgehen - "ist ihre Fraktion in Potsdam doch die einzige Partei mit dem entsprechenden Spitzelanteil, sage und schreibe 23 Prozent".

Ungläubige Blicke

Egon Wochatz und die Ausschussmitglieder der Linken schauen ungläubig zu Andreas Lemke herüber - und ihre Gegen-Attacke folgt prompt. Ilona Schulz (Die Linke) sagt: "Zu keinem Zeitpunkt haben die Befürworter gesagt, dass sie die Persönlichkeit Strittmatters auf einen Sockel stellen wollen." Vielmehr gehe es ihnen darum, sich auch mit den Brüchen in seinem Leben auseinanderzusetzen. "Wir müssen darüber reden, warum er selbst so wenig über sein Leben gesagt hat", erklärt Ilona Schulz. So plädiert sie dafür, das Thema in der Stadtverordnetenversammlung am 15. Februar erneut zu behandeln.

Für Egon Wochatz steht unterdessen fest: Spremberg habe nun einmal beschlossen, Strittmatter zum Ehrenbürger zu ernennen - und dieser Entscheidung müsse die Stadt konsequent folgen. Dennoch enthält sich Egon Wochatz bei der Abstimmung: Der Verein habe mit Hilfe weiterer Mitstreiter eine würdige Alternative zur Ehrung seitens der Stadt gefunden. "Zugleich bekenne ich mich zu den Plänen des Vereins." Damit schert der frühere Bürgermeister allerdings aus der Linie der CDU-Fraktion aus, die sein Parteifreund Hartmut Höhna skizziert: Die Mehrheit glaube, dass der Strittmatter-Verein prädestiniert ist, den Geburtstag auszurichten - und bei möglichen Aufwendungen über Gebühr könne ihn die Stadt ja "wohlwollend begleiten".

Seitenweise Berichte

Zugleich stellt Hartmut Höhna klar: Die CDU-Fraktion sei sich mehrheitlich einig, dass es keine offizielle Ehrung seitens der Stadt geben könne. "Es geht nicht darum, ihn anzuklagen oder über ihn zu richten", sagt der CDU-Fraktionschef. "Strittmatter musste unter zwei Diktaturen leben - und er integrierte sich in diesen Diktaturen, zum einen in der Ordnungspolizei, zum anderen als Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit, der er seitenweise Berichte lieferte." Niemand habe zum Stasi-IM werden müssen, und deshalb habe Strittmatter eine offizielle Ehrung nicht verdient. Zumal immer wieder das Argument früherer Informeller Mitarbeiter bemüht werde, sie hätten niemandem geschadet. "Trotzdem waren die politischen Gefängnisse in der DDR voll", bemerkt Hartmut Höhna.

Einer äußert sich an diesem Abend nicht zum Streit, und sein Schweigen darf wohl ebenso als Zeichen gelten. CDU-Bürgermeister Klaus-Peter Schulze, der neben Hartmut Höhna auf dem Podium sitzt, hatte seine Meinung schon im vergangenen Jahr kundgetan - und bleibt dabei: Er lehne eine persönliche Schirmherrschaft zu Strittmatters Geburtstag ab, so lange dessen Rolle in der Nazizeit nicht geklärt sei.

An den Bürgermeister wendet sich der SPD-Politiker Andreas Lemke mit der Bitte, die Eignung Strittmatters als Ehrenbürger und Namensgeber für eine Straße zu überprüfen. "Wir regen an, dass sich die Lehrerschaft, der Direktor und die Schüler des Spremberger Gymnasiums intensiver mit der Biografie Strittmatters auseinandersetzen", sagt Andreas Lemke. Zudem könne das Kreismuseum ein Opfer ehren, den Spremberger Schriftsteller Peter Jokostra, der im Zweiten Weltkrieg desertiert war, später aus der DDR in den Westen floh und im Jahr 2012 ebenfalls 100 Jahre alt geworden wäre.