Von Detlef Bogott

 Er sammelte und archivierte Dokumente der Spremberger Geschichte und ist ein Zeitzeuge vieler Ereignisse der damaligen Zeit gewesen. Wenn man auf das Thema Spremberger Stadtgeschichte zu sprechen kommt, dann fällt unweigerlich der Name Ulrich Müller. Am 5. Juni starb er.

Den älteren Sprembergern ist Ullrich Müller noch als Buchbinder bekannt, hat er doch zu DDR-Zeiten eine Vielzahl von Doktor- und Diplomarbeiten gebunden. Aber auch Jahrgangshefte der verschiedensten Zeitschriften hat „Uli“, wie ihn viele Spremberger nannten, fein säuberlich zur Aufbewahrung aufbearbeitet. Ja, auch Bücher bekamen durch seine geschickten Hände nach seiner Restauration wieder einen ansehnlichen Anblick.

Dabei hatt Ulrich Müller sich das Buchbinden selber eigenhändig angeeignet. Für seine Buchbinderei, für die er eine Gewerbeberechtigung besaß, arbeitete er noch bis kurz vor Ostern diesen Jahres. Es war eine Branche, die er aus dem Effeff kannte. Erlernt hatte er jedoch von 1945 bis 1948 den Beruf des Buchdruckers. Im Jahre 1957 wurde er Buchdruckmeister. Bei einer Festveranstaltung der Handwerkskammer in der Hotelanlage Starick in Lehde hatte Kammerpräsident Peter Dreißig und Staatssekretär Hendrik Fischer im Juni 2017 insgesamt 29 Diamantene Meister ausgezeichnet. Zu ihnen zählten der Spremberger Schlossmeister Artur Lischke und Buchdruckmeister Ulrich Müller.

Eigentlich wurde Ulrich Müller in das Druckereigewerbe eingeboren. Schon Johann Gustav Otto Müller, der Großvater von Ulrich Müller, arbeitete als Abteilungsleiter in der Druckerei des Verlegers C.F. Saebisch beim ,,Spremberger Anzeiger“ am Markt. Johann Louis Müller, sein Sohn, entschloss sich dann 1894 in der Dresdener Straße die ,,Buch- und Akzidenzdruckerei Otto Müller, die im Sprachgebrauch auch unter ,,Omü“ über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde zu gründen.

1920 übernahmen die Söhne Hans und Alfred von Otto die Druckerei für fast 45 Jahre. Nach deren Tod übernahmen dessen Söhne Hans-Günter und Ulrich Müller 1964 den Familienbetrieb, der 1972 Volkseigentum wurde.

Von da an war Ulrich Müller für den Meisterbereich in der Lustgartenstraße als Buchdruckmeister verantwortlich, welcher zum Vordruck-Leitverlag gehörte. Nach der politischen Wende 1991 kam dann auch für die Druckerei in der Lustgartenstraße das aus. Von nun an machte der damals 61-Jährige in seiner eigenen Werkstatt weiter. Aus der Arbeit wurde längst ein Hobby. Ulrich Müller ist ein Leben lang ein Sammler aus Leidenschaft geblieben. Während andere Briefmarken anhäufen, hat er sich der Kalenderkunst verschrieben.Teils mehr als 100 Jahre alte Stücke sind darunter. Viele Werke aus den 40er-Jahren, wie etwa der Spitzweg-Almanach - ein Bilderkalender von 1947 - oder Kalenderblätter von 1907 und 1917 nennt Ulrich Müller sein Eigen. Aber nicht nur das, auch Kreiskalender, die zwischen 1918 und 1927 entstanden sind, sowie Hauskalender von 1913 bis 1923 gehören dazu. Eine Rarität sind zudem der Buchdrucker-Kalender von 1930 und der Film-Schauspieler-Kalender von 1943. Zu den alten Zeitschriften sind bis heute Heimatkalender, Fotos, Postkarten und vieles mehr hinzugekommen.

Und wenn er mal nicht an seiner Buchbindemaschine stand, dann arbeitete er an seiner Boston-Tiegelpresse die irgendwann zwischen Mitte und Ende des 18. Jahrhunderts gebaut wurde. Hier druckte er seine Kalender, Servietten, Rechnungsblöcke oder Visitenkarten. Stand er mal nicht an seinen Maschinen, war er gewiss in Spremberg unterwegs und erzählte über die alten Zeiten. Und das konnte Uli so wunderbar. Er kannte die geschichte jeder Straße, jeder Tuchfabrik  und des Fabrikanten, der dahinter stand.

Seine alten gesammelten Werke, wie alte Firmen- und Adressbücher hatte er immer zur Hand. Auch ein Museum lebt von Sammlungen, von der Bewahrung der materiellen Geschichte. Auch hier half er mit Freude aus, stellte Leihgaben zur Verfügung. Er war Stammgast im Rathaus und im Archiv der Stadt und recherchierte, wo er nur konnte, um seinen Fundus um Wissenswertes zu erweitern. Vielen Sprembergern, der Stadterwaltung und Institutionen stand er mit seinem Wissen zur Verfügung. Über viele Jahre arbeitete er in der Redaktion Heimatkalender des Spremberger Kulturbundes mit und schrieb interessante Artikel zur Stadtgeschichte.

Geboren wurde Ulrich Müller 1930 in Spremberg. Während der Flucht 1945 wurde er in Ilmenau konfirmiert. Die Familie kam zurück in die Heimat.

Er liebte gute Museen, Blas- und Millitärmarschmusik. Als Kind war seine TT-Modelleinenbahn sein Liebstes, noch vor neun Jahren baute er eine neue Platte der Spur N. Große Züge und Lokomotiven bewunderte er auch, kannte jedes Modell und jedes Baujahr. Eisenbahnausstellungen erfreuten ihn, auch noch vor einem Jahr im Spremberger CCS.

Die Liebe zum Kanusport begann 1948. ,, Kanu ist meine zweite Heimat“, sagte er immer. Er war Sektionsleiter, im Elfer- und im Ältestenrat, Ehrenmitglied und sogar auch Hausmeister bei der SG Kanu zu DDR-Zeiten. Er führte die Chronik der Kanuten und unterstützte wo er konnte in den 70 Jahren seiner Mitgliedschaft den Verein, und liebte den Kanu-Fasching über alles.