Von Marcel Laggai, Jan Augustin und Annett Igel-Allzeit

Die Vermummten, die am Mittwoch vor einer Herberge in Bagenz „Ausländer raus!“ geschrien und randaliert haben, sind wieder auf freiem Fuß. Das bestätigt Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon. „Die Personalien wurden festgestellt, Fluchtgefahr besteht nicht, keiner kam in Untersuchungshaft“, sagt er. Ermittelt werde wegen der Verbreitung von Fake-News, zum Vorfall am Mittwochabend vor der Ferienanlage und zu einer mutmaßlichen Vergewaltigung am 3. April in Bagenz, die am 8. April bei der Polizei angezeigt wurde. „Wir haben da auch erste Fortschritte, sind aber noch nicht so weit, dass wir damit in die Öffentlichkeit gehen können.“

Betreiber der Ferienanlage sieht Existenz in Bagenz gefährdet

Während die mutmaßlichen Randalierer im Alter zwischen 18 und 26 Jahren nun auf Post von der Staatsanwaltschaft warten, stellt der Betreiber der Ferienanlage „Seenland“ in Bagenz seine Zukunft in Bagenz infrage. „Ich sehe durch diese Aktion und die Gerüchte im Vorfeld meine Existenz wirklich gefährdet“, sagt Kai Chen auf RUNDSCHAU-Nachfrage.

 Seit drei Jahren betreibt Chen das Objekt und zählt Familien, Schulklassen und Montagearbeiter zu seinen Gästen. Es gab schon zuvor Attacken gegen die Ferienanlage, im letzten Jahr zeigte der aus dem Westen Deutschlands zugezogene Betreiber nach eigenen Angaben zwei Männer deshalb an. Was aktuell jedoch geschehen sei, habe kriminelle Ausmaße angenommen.

Falschinformationen lösten Attacke in Bagenz aus

Auslöser der Attacke am Mittwoch waren Falschinformationen in den sozialen Medien. Von „einer Vergewaltigung einer Frau und noch nicht bestätigten Toten am Stausee“ war die Rede, von mehreren „verdächtigten Migranten“, von denen zwei „stiften gegangen“ sein sollen. Nach solchen Gerüchten zog die Gruppe Vermummter am Mittwochabend mit Zaunlatten, Baseballschlägern und Böllern vor die Herberge. Doch dort trafen sie nicht auf „Migranten“, sondern auf eine verängstigte Schulklasse aus Frankfurt (Oder). Es handelte sich um Neuntklässler einer Waldorfschule.

Am Donnerstag, also einen Tag nach der Attacke auf die Herberge,  stellten Polizei und Staatsanwaltschaft klar: Den Fund einer toten Frau am Stausee habe es zu keiner Zeit gegeben. Richtig sei hingegen, dass wegen des Verdachts einer Vergewaltigung am Stausee am 3. April gegen unbekannt ermittelt wird. In diesem Zusammenhang seien auch Umfeldermittlungen in der Ferienanlage geführt worden, so die Staatsanwaltschaft.

„Ich wusste überhaupt nicht, was los ist und habe erst im Anschluss von der Polizei erfahren, was da so Schlimmes durch die sozialen Medien wabert“, sagt Kai Chen. Am Dienstag hatte die Herberge Besuch von der Polizei, die die Gästeliste der Vorwoche sehen wollte. „Die habe ich natürlich anstandslos gezeigt.“ Die Polizisten hätten ihm allerdings etwas von einem gestohlenen Fahrrad erzählt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt zu dem Überfall in Bagenz

Aus ermittlungstechnischen Gründen? Die Staatsanwaltschaft führe ein Verfahren wegen eines Sexualdelikts gegen unbekannt, sagt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig in Cottbus. „Hier sind ganz andere Opferrechte zu beachten. Aus diesem Grund haben wir keine Informationen an die Öffentlichkeit gegeben“, sagt Hertwig. Sie ersichert, dass sofort informiert werde, wenn der Täter ermittelt ist. „Wir haben nicht gemauert“, betont sie, „wir sind gegen Selbstjustiz.“ Und ihre Behörde könne nicht jede Fake-News (auf Deutsch: Falschnachricht, unbewiesenes Gerücht) verhindern und darauf reagieren. Gerüchte, bei den mutmaßlichen Vergewaltigern handle es sich um Gastarbeiter aus dem Ausland, die in der Ferienanlage in Bagenz gewohnt haben sollen, weist Oberstaatsanwältin Hertwig vehement zurück. „Es gab dort überhaupt keine Ausländer“, sagt sie.

Die attackierte Schulklasse ist eher aus Bagenz abgereist

Der Betreiber der Ferienanlage hat nun wirtschaftliche Folgen zu tragen: „Die Schulklasse ist eher abgereist, und ich rechne mit weiteren Stornierungen“, sagt Kai Chen. Für die anlaufende Saison sei das ein besonders schwerer Schlag. Er müsse sehen, ob er mit den Einnahmen überhaupt über den nächsten Winter komme.

Ferienanlagen-Betreiber Chen und Dieter Perko, der Bürgermeister der Gemeinde Neuhausen/Spree, zu der Bagenz gehört, hoffen auf kommenden Mittwoch, 17.April. Dann ist eine Einwohnerversammlung im „Dorfkrug“ geplant. Chen will den Bürgerinnen und Bürgern von Bagenz dort auch seine Ferienanlage vorstellen.

UPDATE Schulklasse reist vorzeitig ab Vermummte randalieren in Bagenz

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