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| 06:11 Uhr

Aus dem Amtsgericht
Der kleine Bruder packt aus

Die Rathsburg in Welzow am Tag nach der Brandnacht. Inzwischen ist das Dach wieder dicht, das Denkmal gesichert.
Die Rathsburg in Welzow am Tag nach der Brandnacht. Inzwischen ist das Dach wieder dicht, das Denkmal gesichert. FOTO: Richter-Zippack
Welzow/Cottbus. Brandserie in Welzow: Der große Bruder muss für zwei Jahre und fünf Monate in Haft. Von Annett Igel-Allzeit

Wegen Brandstiftung und gemeinschaftlichem Diebstahl hat das Amtsgericht Cottbus zwei Brüder aus Welzow am Dienstag zu Haftstrafen verurteilt. Die Männer, 19 und 31 Jahre alt, hatten die Bewohner ihrer Heimatstadt im Januar und Februar dieses Jahres mit einer Brandserie in Angst und Schrecken versetzt. Schuppen, Nebengelasse, Wohnhäuser und das Wahrzeichen von Welzow, die Rathsburg, standen in Flammen. Weil die Gebäude größtenteils leer standen und Anwohner rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen konnten, wurde kein Mensch ernsthaft verletzt. In einem Schuppen aber erstickten mehrere Kaninchen. Lappen und Müll hatten die Brüder als Brandbeschleuniger benutzt. Auch im Keller des Mietshauses, in dem der Vater wohnt, wurde gezündelt. Ein Hinweis für die Polizisten, die sie schon im Visier hatten. Am 21. Februar wurden die Brüder festgenommen.

Dem Amtsgericht Cottbus liegen Hinweise auf Schäden von mindestens 120 000 Euro vor. Ein relativ geringer Betrag für eine ganze Brandserie. Die Mehrzahl der Brandstiftungen werden von der Richterin als minderwertig eingestuft. Für die Sicherung der Rathsburg nach dem Feuer hat sie einen Kostenvoranschlag über 105 000 Euro in den Akten. Für den Abriss und Wiederaufbau einzelner Schuppen rechnet ein Eigentümer, der als Zeuge aussagt, mit jeweils 3000 bis 5000 Euro Kosten.  

Auch wenn die Brüder in drei von zwölf Brandfällen, die zur Anklage gekommen waren, gemeinschaftlich gehandelt haben sollen, sind sie vor dem Amtsgericht an den beiden Verhandlungstagen unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Jens M., der 19-Jährige, geständig ist und schildert, wie sie Alkohol tranken, wer das Feuer legte und wer Schmiere stand, will sich sein großer Bruder vor Gericht nicht äußern. Nur durch die Aussagen des jüngeren Bruders und des Kriminalisten, der ihn während der Ermittlungen mehrmals befragt hatte, können ihm drei gemeinschaftliche Fälle der minderwertigen Brandstiftung, eine minderwertige Brandstiftung, die er allein begangen haben soll, und der gemeinsame Diebstahl zur Last gelegt werden.

Opfer des Diebstahls war ein 62-jähriger Welzower, der es auf seinen Krücken nur langsam in den Zeugenstand schafft. Wie er der Richterin und den Schöffen erzählt, hatte er ein kumpelhaftes Verhältnis zu den Angeklagten. Am 12. Januar kamen sie, um ihm eine Jalousie in der Wohnung anzubringen. Seine Brieftasche habe auf dem Tisch gelegen. Doch als Jens M. und  Thomas M. wieder weg waren, fehlten die EC-Karte und ein 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Noch am 13. Januar hatte jemand mit der Karte 160 Euro abgehoben. Schließlich wurde mit ihr für 43,32 Euro im Welzower Rewe-Markt eingekauft. „Die 43 Euro habe ich zurückerstattet bekommen“, bestätigt der 62-Jährige. Traurig schaut er zu Jens M: „Er war später noch mal da, entschuldigt hat er sich aber nie.“

Jens M. ist der Jüngste von insgesamt fünf Geschwistern und lebt bei der Mutter. Nach der Grundschule in Welzow wechselte er auf Förderschulen – zuletzt in Großenhain. 13 Jahre alt soll er gewesen sein, als er mit dem Alkohol anfing, so der Jugendgerichtshelfer. Auch sein Vater habe ein Alkoholproblem, weshalb sich die Mutter vom Vater getrennt habe und zeitweise mit Jens M. in Gröditz bei Meißen lebte. Die Rückkehr nach Welzow sei ein Fehler gewesen, sagt die Mutter heute. Jens M. hat keine Ausbildung, keine Arbeit. Thomas M. hingegen sei Landschaftsgärtner und habe in diesem Beruf auch schon gearbeitet. Sein Vorstrafenregister allerdings ist länger als das des jüngeren Bruders. Auch eine Freiheitsstrafe hat Thomas M. schon verbüßt.

Zumindest für den 19-Jährigen sehen der  Jugendgerichtshelfer und sein Anwalt noch eine Chance. „Jens hat eine hohe kriminelle Energie. Labil und ziellos stolpert er durchs Leben.  Aber bei enger Betreuung kann es funktionieren“, weiß der Jugendgerichtshelfer. Er habe für den 19-Jährigen schon das Lobetaler Wohnen in Lübben im Blick. Dort könne er arbeiten, seine Alkoholsucht behandeln lassen und das Training im Cottbuser Jugendrechtshaus fortsetzen. Zudem hatte er begonnen, die im Sommer vom Gericht in Riesa auferlegten 120 Arbeitstage in der Welzower Stadtverwaltung abzuleisten. Klagen gab es nicht, er sei immer pünktlich gewesen.  

Der Staatsanwalt plädiert für zwei Jahre und sechs Monate Jugendhaft für Jens M. – ohne Bewährung. „Die Brandserie hat den Welzowern schlaflose Nächte bereitet. So ein Feuer ist nicht beherrschbar“, so der Staatsanwalt. Für den Bruder Thomas M. schlägt er drei Jahre Haft vor. Der 31-Jährige äußert sich auch dazu nicht, sein jüngerer Bruder erklärt hingegen: „Ich will die Chance haben.“

Nach 40 Minuten Bedenkzeit gibt die Richterin ihm diese Chance. Sie setzt ein Jahr und die zehn Monate Jugendhaftstrafe für Jens M. zur Bewährung aus. Er bekommt einen Bewährungshelfer an die Seite, muss 120 Arbeitsstunden leisten, die Suchthilfe besuchen und den sozialen Trainingskurs fortsetzen. Da er wegen eines anderen Deliktes noch in Untersuchungshaft sitzt, bleibe Zeit, den Aufenthalt beim Lobetaler Wohnen der Hoffnungstaler Stiftung vorzubereiten. Sein Bruder Thomas M. jedoch soll eine Haftstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten antreten, sobald das Urteil rechtskräftig wird.