ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:58 Uhr

Glosse über ein Gedicht im Wald an der Spree
Das Gedicht, das am Baum klebt

 Annett Igel-Allzeit
Annett Igel-Allzeit FOTO: LR / Sebastian Schubert
Spremberg. Meist ist es der einsame Erpel, der morgens aus der Wiese in die Spree stürmt, um meine morgendliche Laufrunde aufzulockern. Gestern aber kam ein Gedicht. Ich lief erst vorbei, trabte dann wieder zurück. Von Annett Igel-Allzeit

„Die Wangen der Göttin glühten so rot“, begann es. Wer hatte es an den dicken Baum geklebt? Überbleibsel einer literarischen Schnipsel-Jagd zum Schuljahresende? Liebeserklärung? Werbung fürs Lesen? Die Liebeserklärung schied in der zweiten Strophe aus: Da gesteht die Göttin nämlich: „Ich werde alt.“ Viel weiter kam ich zunächst nicht, als Sportler muss man Prioritäten setzen. Im Laufrhythmus merkte ich mir „Die Wangen der Göttin glühten so rot“ prima. Und „Caput XXVI“ war ein weiterer Hinweis. Heinrich Heine. In der dreibändigen Dünndruck-Werkausgabe fand ich die Verse wieder. In „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Winter? Auch wenn Heine mit Winter so viel mehr meinte, ein kleines bisschen Winter wäre doch schön, während wir mit glühenden Wangen durch die Hitze schlurfen.