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Marx und Engels lernen fürs Feld

Andrea Budek und ihr Mann Rüdiger werden den Kälbern die Namen Marx und Engels geben. Dafür haben sie gute Gründe.
Andrea Budek und ihr Mann Rüdiger werden den Kälbern die Namen Marx und Engels geben. Dafür haben sie gute Gründe. FOTO: wr
Hornow. Ein Minischwein drängt sich durch das Tor, hinein in den Stall, wo die beiden Kälber im Stroh liegen. Das Ochsen-Duo wird beim Hoffest in Hornow eine feierliche Taufe erleben – und fortan die Namen Marx und Engels tragen. René Wappler

Als Zugochsen will der Bauer Rüdiger Budek die Tiere einsetzen, sobald sie ausgewachsen sind. Die Taufe betrachtet er keineswegs als Scherz, wie er versichert. "Karl Marx und Friedrich Engels haben die Industrie - und so auch die Landwirtschaft - mit ihren Ideen mächtig verändert", sagt er, "bis hin zu den sozialen Strukturen, die unsere Gesellschaft heute prägen: Ich halte es für wichtig, dass wir das nicht vergessen."

Tatsächlich schrieb Karl Marx im Jahr 1868: "Sämtliche moderne Methoden wie Bewässerung, Entwässerung, Anwendung des Dampfpflugs, chemische Bearbeitung etc. müssten endlich in der Landwirtschaft Eingang finden." Zugleich prophezeite er einen Konflikt zwischen Arbeitern und herrschender Klasse, der den Kollaps des Kapitalismus zur Folge haben würde.

Allerdings veränderten seine Thesen die Welt auf eine Weise, wie sie ihm selbst wohl nicht in den Sinn gekommen wäre. Dies gibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Sachbuch "Homo deus" zu bedenken: Unternehmer studierten die Marxsche Lehre, nahmen sie ernst - und änderten daraufhin ihre Strategie. "In Ländern wie Großbritannien und Frankreich waren Kapitalisten bestrebt, das Los der Arbeiter zu verbessern, ihr Nationalbewusstsein zu stärken und sie ins politische System zu integrieren."

Wie die Thesen von Karl Marx und seinem Freund Friedrich Engels die politische Lehre umwälzten, sorgte der Fortschritt dafür, dass ausgeklügelte Technik nach und nach die Zugtiere auf den Bauernhöfen verdrängte. Heutzutage seien in der Lausitz kaum noch Ochsen im Einsatz zu sehen, stellt Rüdiger Budek fest.

Maschinen ermüden schließlich nicht, sie werden nicht krank, sie brauchen kein Futter, abgesehen von regelmäßigen Reparaturen und Kraftstoff. Auch diesen Prozess sagte Marx in seinem Standardwerk "Kapital" voraus: "Die große Industrie liefert mit den Maschinen die produktionstechnische Grundlage der kapitalistischen Landwirtschaft."

Dennoch beherrschen die Zugochsen Kunststücke, die moderne Technik kaum bewältigen kann. "Gerade im Gemüsebau, auf nassem oder feuchtem Grund, gibt es Böden, auf denen jeder Traktor absaufen würde", sagt Rainer Budek. "Mit den Tieren gibt es da nicht solche Probleme: Sie können sogar auf engstem Raum drehen und wenden."

So bedauert er den Umstand, dass diese bäuerliche Tradition nach und nach verlorengeht. Das Hoffest soll demnach den Besuchern auch ins Gedächtnis rufen, dass sich der Alltag auf einem Bauernhof keineswegs nur idyllisch und romantisch gestaltet: Vielmehr zelebrieren die Veranstalter den Wert des klassischen Handwerks und den Aufwand, der in dieser Arbeit steckt.

Die beiden Kälber, gerade mal zwei Monate alt, werden schon bald an das Arbeitsgeschirr gewöhnt. Im nächsten Jahr laufen sie voraussichtlich neben den Pferden mit, und sie werden nach und nach mit dem Straßenverkehr vertraut.

Nun darf Rainer Budek nur darauf hoffen, dass die Tiere ihren Namen nicht allzu gerecht werden. Denn sonst merken sie eines Tages: Als Proletarier des Feldes haben sie ja nichts zu verlieren als ihre Zügel. Wie es sich Karl Marx einst wünschte.

Zum Thema:
Das Hoffest findet am Sonntag, 20. August, um 11 Uhr in der Hornower Dorfstraße 39 statt. Neben einer Treckerparade sieht das Programm Spiele für Kinder vor, das Verkosten von Schnaps für Erwachsene und Auftritte von Blasmusikanten und Jagdhornbläsern. Das Hoffest findet alle zwei Jahre statt. Nach Angaben der Veranstalter besuchen es stets mehr als 1000 Gäste.