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| 17:02 Uhr

Spremberg
Eine Kindheit in Groß Buckow

Manfred Haßfeld, der Pfarrerssohn von Groß Buckow, und sein schöner Hund. Sein „Seppel“ in Groß Buckow war dagegen ein echter Dorfköter.
Manfred Haßfeld, der Pfarrerssohn von Groß Buckow, und sein schöner Hund. Sein „Seppel“ in Groß Buckow war dagegen ein echter Dorfköter. FOTO: Manfred Haßfeld / privat
Spremberg. Ein Kyritzer hat ein Buch über Groß Buckow geschrieben. Er war „Paschtersjunge“ im einst stattlichen Dorf bei Spremberg.

Die Hitze flimmert auf dem Weg zum Groß Buckower Stein, der in der Heide an das abgebaggerte Dorf erinnert. Ein Mann schiebt den knatternden Rasenmäher übers trockene Gras. Was? Ein Pfarrer, der nach dem Zweiten Weltkrieg für Groß Buckow zuständig war, wird gesucht? Er stellt den Mäher ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Sie meinen bestimmt Pfarrer Haßfeld.“

Siegfried Haßfeld ist der zweite in der zweiten Reihe. Die Pfarrer haben an der Wand des „Knusperhäuschens“ hinterm Stein einen Tafel bekommen: Unter allen sieben Fotos stehen der Name und die Zeit, in der sie in der großen Backsteinkirche gewirkt hatten.

Siegfried Haßfeld kam 1948 als junger Diakon aus Berlin – mit  Frau und Sohn Manfred. Und Manfred Haßfeld, Laborleiter und -arzt sowie ehrenamtlicher Schiedsmann im arbeitsreichen Leben, fand als Rentner Zeit, ein Büchlein über seine Kindheit in Groß Buckow zu schreiben. „Wir waren Helden. Als Paschtersjunge auf dem Dorf“ hat er es betitelt, sich darin Wilfried genannt und es beim kleinen Verlag „tredition“ in Hamburg drucken lassen.

Es ist nicht sein erstes Buch. „Ich habe schon als Kind gern geschrieben. Meine Aufsätze gefielen meinen Lehrern. Auch später im Studium schrieb ich gern“, erzählt er. „Im freien Fall“ ist ein Band mit Kurzgeschichten. Im Krimi „Das Geheimnis des Spiels“ hat er Sprembergs Kulisse genutzt. „Ein Spremberger ist dann auch der Mörder.“

Die Kindheit in Groß Buckow habe ihn geformt. „Meine Liebe zur Natur wurde hier geweckt“, sagt er. Und in der Lausitz brachte ihm der Storch das geliebte Schwesterchen. Das Pfarrhaus teilten sich Haßfelds laut den Erzählungen zunächst mit einer Pfarrwitwe, mit einem Flüchtlingspaar aus Schlesien und Lieschen Schulze, der die Milch- und Eiersammelstelle von Groß Buckow unterstand.

Lieschen Schulze? Die Namen hat Manfred Haßfeld oft verändert. Auch die Pfarrwitwe, die in seinem Buch Neumann heißt, vereint im Namen buchstäblich zwei vorherige Pfarrer: Max Lehmann, der seit April 1945 als verschollen galt, und Pfarrer Edmund Neuendorff, der von 1946 bis 1948 in Groß Buckow predigte und bis 1966 lebte. „Nicht alles ist authentisch, aber am Ende wahr“, verspricht Manfred Haßfeld und hat seinen Erzählungen ein Zitat von Peter Ensikat vorangestellt: „Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken.“

Fantasie hat er und so viel Farbigkeit in der Sprache, dass Groß Buckow zumindest vor dem geistigen Auge aufersteht. Die „Tschuga“, die im Frühjahr vom Bach zum kleinen Fluss werden konnten, die Trauerweide auf dem Pfarrhof, der hohe Schnee, in dem die Kinder auf dem Schulweg einen halb erfrorenen Raben finden, die Wiese neben dem Gasthaus Ellis.

Aber auch vom Streit um das alte Altarpodest, den sein Vater mit den Dorfbewohnern hatte, schreibt Manfred Haßfeld. Und wie der Vater um die nach dem Krieg neu zu gießenden Kirchenglocken aus Apolda kämpfte. Der Sägespan­ofen wird beschrieben, der Duft der Linden. Die Papier- und Pappenfabrik in Wilhelmsthal kommt vor, der Glaser Mrosk in Cantdorf und der Gasthof „Birkhahn“, wo es Fassbrause gab und einen Billardtisch, an den auch Kinder mal ran durften.

Nein, die Umsiedlung der Dorfbewohner und die Abbagerung 1984, das hat Manfred Haßfeld nicht mehr miterlebt. Sein Vater folgte 1957 dem Ruf der Kirchgemeinde Altdöbern. Manfred Haßfeld will weiter schreiben, vielleicht öfter Spremberg besuchen. Seit 2012 ist er Rentner. Und einen wunderbaren Hund habe er, einen Hovawart. Sein erster Hund war „Seppel“ – eine „Mischung aus allem, was die Dorfstraße so an Hunden her gab“, beschreibt Haßfeld, bevor er erklärt, warum seine Mutter, die „Paschtersfrau“, ihr knappes Haushaltsgeld für viele tote Hühner ausgeben musste.

Siegfried Haßfeld war von 1948 bis 1957 Pfarrer in Groß Buckow.
Siegfried Haßfeld war von 1948 bis 1957 Pfarrer in Groß Buckow. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit