| 02:41 Uhr

Lausitziale ist Lust auf der Spur

Frank Otto Sperlich (l.) und Ulrich Meißner plaudern über den Zweiteiler "Von Lust und Laster".
Frank Otto Sperlich (l.) und Ulrich Meißner plaudern über den Zweiteiler "Von Lust und Laster". FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Die Umarmung ist ein Wirbelwind. Frank Otto Sperlich zeichnet die Liebenden mit schwarzen und weißen Strichen, weich bettet er sie in warme Farben. Annett Igel-Allzeit

Auf Staffeleien stand am Samstagabend im Festsaal des Spremberger Kulturschlosses Spree-Neiße die pure Lust. Doch damit nicht genug: Der Maler Frank Otto Sperlich ist auch Kameramann und Regisseur. Er hat sich der Sexualität und Sittengeschichte des 20. Jahrhunderts in den zwei Dokumentarfilmen "Von Lust und Laster" genähert. 2009 wurde der Zweiteiler produziert. Und weil im fünften Jahr der Lausitziale, dem Heimatfilmfestival in Spremberg samt Filmschule, die Liebe die Hauptrolle spielen darf, ist Sperlich ein spannender Gesprächspartner für das Lausitziale-Team um Holger Fahrland. Der Lausitziale-Mitbegründer und Filmregisseur Ulrich Meißner übernahm die Moderation und die ersten Fragen an Sperlich, der aus Zittau stammt und heute auf Rügen lebt und malt.

Bei etwas Salzgebäck und Wein wurde der Festsaal zum Kino. Die Besucher sahen die Anfänge der Aktfotografie, hörten Gerüchte um den schwulen Kreis um Kaiser Wilhelm II., erfuhren, warum die Spreewald-Ammen einst so gefragt waren, und wie Pinselheinrich Zille die Prostituierten zu Wort kommen ließ. Fromms erste Markenkondome trockneten auf den Wäscheleinen. Berlin tanzte aufgeklärt und Hamburg zog nach. Die Freizügigkeit der 20er-Jahre schien mit der Machtergreifung Hitlers zu enden, aber die Doppelmoral der Nationalsozialisten wurde schnell öffentlich. So manche BDM-Mädchen erfuhren mehr Hilfestellung im Sport als ihnen lieb war.

Neben den Filmausschnitten aus alten Wochenschauen ließ Sperlich Schauspieler wie Zeitzeugen erzählen. Sie spielten sich förmlich aus den alten Fotografien oder Archivfilmen heraus. Die Maskenbildnerin schminkte und frisierte sie malerporträtreif, klebte ihnen Bärte an und - im zweiten Teil zur Sittengeschichte im geteilten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg - auch Koteletten. Wichtig für die Freizügigkeit in der BRD wurden Schweden, Beate Uhse und die 68er. Auch die DDR war kein Kind von Traurigkeit: FKK an der Ostsee, die Schwulenszene trifft sich am Märchenbrunnen in Berlin-Friedrichshain, die Staatssicherheit lässt Prostituierte für sich arbeiten.

Kaum war es wieder hell, kamen die Fragen - von Ulrich Meißner und den Zuhörern: Sperlich erzählt von seiner Mutter, die mit Freundinnen in Theodoor Hendrik van de Veldes "Die vollkommene Ehe" schmökerte, von der Knete-Geschichte zum DDR-Kinderlied "Der Verkehrspolizist der es gut mit uns meint" und warum er sein gedrehtes Filmmaterial lieber selbst schneidet. Klein sei die Film-Crew zu "Von Lust und Laster" gewesen. "Ein Dokumentar-Film-Budget ist wesentlich kleiner als das Budget für einen Spielfilm. Beim Dreh waren wir meist nur zu dritt - der Autor Lutz Rentner, ich und der Tonmeister." Mit Rentner führt Sperlich die Film- und Fernsehproduktionsfirma Noahfilm GbR.

Trotz Fülle der Fakten gelingt es den Filmliebhabern des Lausitziale-Teams, gleich auf das Technische zu achten. Andreas Köfer, Leiter der Filmschule der Lausitziale, lobte die Bildgestaltung, die Schwenks und die Überblendungen. Sperlich versucht es mit anderen Mitteln als Computeranimationen und kann damit inzwischen überraschen.

Enttäuscht hat Holger Fahrland, dass so wenig Zuschauer ins Schloss gefunden hatten. "Liebe, das interessiert doch alle, oder?" Die Lausitziale geht weiter: Für den 7. Oktober haben sie den Cottbuser Festivalfilm "Schmitke" ins Bergschlösschen geholt. Im November präsentiert die Filmschule die Abschlussfilme des zweiten Jahrgangs, und am 2. Dezember soll es den ersten Spremberger Filmball geben.