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| 17:26 Uhr

Spremberg
Kinder brauchen ein paar Regeln

Andrea Nitschke (l.), Simone Hauff (2. v.l .), Corinna Klonz und Dr. Holger Wahl haben sich Fragen zur Erziehung gestellt.
Andrea Nitschke (l.), Simone Hauff (2. v.l .), Corinna Klonz und Dr. Holger Wahl haben sich Fragen zur Erziehung gestellt. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Familienexperten diskutieren über verletzte Eltern und das Gespür der Kinder.

Kinder und Jugendliche brauchen ein paar Regeln. Davon ist Corinna Klonz, Leiterin des Kinderheimes Spremberg in Schwarze Pumpe überzeugt. „Das sind feste Größen, die sie einhalten und auf die sie auch vertrauen können.“

Gegen 6 Uhr klingeln die ersten Wecker im Kinderheim. Körperpflege, Frühstück, den Zettel mit den neuen Vokabeln muss noch in die Schulmappe. „Sie füllen sich ihre Brotbüchse, dann geht es zum Bus, der direkt vor unserem Haus abfährt“, erzählt Corinna Klonz den Tagesablauf. „Nachmittags trudeln alle wieder ein. Die Hausaufgaben werden erledigt. Bei Problemen oder Fragen unterstützen die Erzieher.“

Dann haben die Kinder und Jugendlichen Freizeit, in der die Kleineren mit ihrer Erzieherin auf den Spielplatz gehen. Die Größeren besuchen Freunde in der Stadt, gehen einkaufen, ins Kino. „Zum gemeinsamen Abendessen sind dann alle wieder da – eine Regel“, sagt Corinna Klonz. Ein paar Ämter wie Küchendienst oder Ausfegen sind zu erfüllen. Irgendwann geht es, wie in der Familie, je nach Alter gestaffelt ins Bett. Besuchen Klassenkameraden – ob aus dem Gymnasium, der Berufsorientierenden Oberschule oder einer Grundschule – die Heimbewohner, staunen sie oft, weiß Corinna Plonz. Sätze wie „Och, hier ist es aber schön“ hat sie schon gehört.

Eltern-Sprüche wie „wenn du nicht spurst, musst du ins Heim!“ kennt sie. Diese seien aber eher unüberlegt und im Stress gesagt. Simone Hauff, Leiterin Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Albert-Schweitzer-Familienwerkes (ASF) in Spremberg, kann den Elternspruch locker um ähnliche Sätze erweitern: „Wenn du nicht spurst, musst du zu deinem Vater.“ Oder zur Mutter – typisch für überforderte Alleinerziehende.

Eine Trennung kann Probleme bei Kindern auslösen. „Jedes Kind verarbeitet das anders“, sagt Simone Hauff. „Die Kleineren haben Bauchweh, die Größeren fallen in der Schule auf. Aber es gibt auch Familien, die eine Trennung gut hinbekommen.“ Seit 1996 berät Simone Hauff Familien. Der Anlass dafür, dass Mütter, Väter, Kinder und Jugendliche in die Beratungsstelle finden, habe sich in den 22 Jahren verändert. „Anfangs waren es viele Erziehungsfragen“, erinnert sie sich, „dann gab es eine Reihe gesetzlicher Änderungen. Auch unverheirateten Vätern konnte das Sorgerecht zugesprochen werden, weshalb plötzlich viele Männer unsere Beratungsstelle aufsuchten. Und jetzt beschäftigt uns das Wechsel-Modell –  Kinder können zeitweise bei Vater, zeitweise bei der Mutter leben.“

Die Ambulante Erziehungshilfe der ASF wiederum beschäftigen Fälle, in die das Jugendamt involviert ist. Andrea Nitschke leitet sie. Schule, Kita, Nachbarn signalisieren, dass in einer Familie etwas nicht stimmt. „Wir entwicken einen Familienhilfeplan, schauen uns den Bedarf aller Familienmitglieder an, holen die Sicht des Jugendamtes dazu ein“, erklärt Andrea Nitschke.  Termine werden mit der Familie vereinbart. Dafür gibt es ein Stundenbudget und nach sechs Wochen ein erstes Gespräch. „Manchmal dauert es bis zu diesem Punkt ein halbes Jahr. Auch unsere Arbeit braucht Vertrauen.“  

Kein einziges der 38 Kinder und Jugendlichen im Heim des Landkreises ist Vollwaise, sagt Corinna Klonz. Überall gibt es mindestens ein Elternteil, Großeltern, eine Tante. Elternarbeit hat deshalb auch im Heim einen großen Stellenwert, die Rückkehr in die Familien ist das Ziel. Die Zusammenarbeit mit den Beratungstellen funktioniert seit Jahren. Sie lief an, als es kaum niedergelassene Kinderphysiotherapeuten in der Region gab, und sie bewähre sich bis heute, sagt Corinna Klonz.

Dass es in Spremberg in der Erziehungs- und Familienratung wie Ambulanten Erziehungshilfe keinen Mann gibt, bedauert ASF-Geschäftsführer Dr. Holger Wahl. Die männliche Sicht auf Familienkonflikte fehle manchmal, bestätigt er. Auch die Beratungsstellen in Guben und Forst haben derzeit nur einen Mann. Aber dass Kinder aus Heimen, aus Beratungsfällen später selbst mitunter Erzieher und Sozialarbeiter werden, bestätigen alle: „Sie haben oft mehr Gespür für ihre Mitmenschen“, versucht Simone Hauff das Phänomen zu deuten, „sie entwickeln auch einen Blick für andere Kinder, denen es nicht so gut geht.“

Anmeldungen für ein Erstgespräch in der Familienberatung beim ASF in der Bergstraße von Montag bis Donnerstag in der Zeit von 13.30 bis 16.30 Uhr sind persönlich oder telefonisch möglich: 03563 3488531. Simone Hauff sagt: „Erstgespräche, in denen wir schnell merken, dass die Familie sich schon prima bemüht und ein einziger Termin  genügt, haben wir öfter.“

LR vor Ort 4c
LR vor Ort 4c FOTO: LR