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| 13:21 Uhr

Tyrannei in Spremberg
Kranker Mann terrorisiert seine Mitbürger

Etliche Zeugen geben im Prozess am Cottbuser Landgericht Einblick in ihre Furcht vor einem psychisch krankem Beschuldigtem. Der reagiert wütend.
Etliche Zeugen geben im Prozess am Cottbuser Landgericht Einblick in ihre Furcht vor einem psychisch krankem Beschuldigtem. Der reagiert wütend. FOTO: Jan Augustin / LR
Spremberg/Cottbus. Etliche Zeugen geben im Prozess am Cottbuser Landgericht Einblick in ihre Furcht vor psychisch krankem Beschuldigtem. Der reagiert wütend. René Wappler

Über die Stadt hinaus reicht das Netz der Menschen, die sich von einem psychisch kranken Mann aus Spremberg terrorisiert fühlen: Diesen Eindruck hinterlässt der jüngste Verhandlungstermin am Cottbuser Landgericht, bei dem in dieser Woche acht Zeugen ausgesagt haben – von Verwaltungsmitarbeitern über Bankangestellte bis zu einem früheren Rettungssanitäter. Zehn Minuten vor dem Ende der Beweisaufnahme gab der Beschuldigte selbst einen Einblick in sein Verhalten, indem er im Gerichtssaal eine Zeugin beschimpfte und seine Wut an den Mitarbeitern der Justiz ausließ.

Zur Mittagsstunde, nach fast dreistündiger Verhandlung, brüllte der 33-jährige Beschuldigte: „Ich finde das beschämend, das ist meine Meinung, Herr Richter!“ Kurz zuvor hatte eine 54-jährige Sonderpädagogin aus Spremberg als Zeugin von der psychischen Belastung erzählt, der sie ausgesetzt sei, seitdem der Mann ihren Sohn belästige und nicht davor zurückschrecke, ihr Auto zu demolieren und sie an ihrem Arbeitsplatz heimzusuchen. „Ich habe Angst davor, ihm zu begegnen“, sagte sie.

Daraufhin brach der Beschuldigte in eine Tirade wüster Beleidigungen aus – und lieferte damit selbst ein Indiz dafür, dass er tatsächlich zu den Aggressionen fähig zu sein scheint, mit denen er vielen Menschen in Spremberg Furcht einjagt.

Das Cottbuser Landgericht befindet derzeit darüber, ob er langfristig in einem psychiatrischen Krankenhaus unterkommen soll. 16 Straftaten werden ihm zur Last gelegt, wobei die Zahl der Anzeigen bei der Polizei weit darüber hinaus reicht. Der Mann leidet mutmaßlich unter paranoider Schizophrenie.

Eine 54-jährige Versicherungsberaterin aus Spremberg berichtete als Zeugin vor Gericht, er sei womöglich dem Wahn verfallen, die ganze Stadt sei in Form einer Geheimorganisation hinter ihm her. Dabei versuchte die Zeugin, sich so ausgewogen wie möglich über den Beschuldigten zu äußern: In der Zeit, als er ihr Kunde war, habe sie ihn auch als klugen Menschen kennengelernt, „mit dem man reden kann, wenn er behandelt ist“. Irgendwann habe sich sein Gesundheitszustand jedoch rapide verändert: Weil ihm das Geld für einen Schlüsseldienst fehlte, trat er demnach seine Tür ein, und als er erfuhr, dass für den Schaden keine Versicherung aufkommt, wollte er kein Verständnis aufbringen. So habe er seine Versicherungsunterlagen durch das Fenster der Beraterin in ihre Wohnung geworfen, sie auf offener Straße in einem Wutanfall fast zu Boden gerissen und ihr Auto beschädigt. „Inzwischen trage ich generell Pfefferspray in meiner Tasche“, sagte sie. „Wenn er rauskriegt, wo ich wohne, kann ich mein Haus verkaufen.“

Ihr früherer Ehemann, ebenfalls als Zeuge geladen, bestätigte ihren Bericht. „Die Bedrohung für meine Frau war ständig da“, erklärte er gegenüber dem Richter.

Auch die Tochter eines Ehepaars, das sich nach eigener Aussage seit Jahren den Attacken des Beschuldigten ausgesetzt sah, sagte vor Gericht aus. „Er hat Kot in den Briefkasten gesteckt, Bäume auf dem Grundstück herausgerissen, Farbeimer und Steine gegen die Tür geworfen.“ Alles habe er zerstört. „Wir haben sogar Weihnachten mit zugenagelten Fenstern verbracht.“

Eine Sachbearbeiterin des Spree-Neiße-Kreises schilderte dem Richter, wie sie den Beschuldigten im Dezember 2011 erlebte. „Er hatte damals noch kein Konto, sollte sich also zum Ersten jedes Monats einen Scheck bei uns holen“, sagte sie. „Aber er wollte uns nicht die Unterschrift für die Empfangsbestätigung geben.“ Drei Mal innerhalb eines Tages habe er sie aufgesucht, drei Mal habe sie ihm erklärt, dass ohne die Bestätigung nichts geht, und beim vierten Mal sei er mit einem Eimer voller Wasser aufgekreuzt, den er vor ihrem Schreibtisch ausgegossen habe. „Sonst war er als Antragsteller eigentlich ein verträglicher Bürger“, stellte sie fest. „Seit diesem Zeitpunkt ist auch ein Wachschutz zu den Sprechstunden gekommen.“

Wenige Tage zuvor, im November 2011, hatte ein Rettungssanitäter in der Spremberger Straße in seinem Auto auf einen Einsatz gewartet. „Plötzlich kratzt es an der Tür“, erzählte er in seiner Zeugenaussage am Landgericht. „Ich gucke raus, sehe den Mann, er rennt weg, und die Fahrzeugtür ist beschädigt.“

In einer Spremberger Bankfiliale erhielt der Beschuldigte bereits Hausverbot. Nach Angaben einer Angestellten hatte er Geld verlangt, das nicht auf seinem Konto verbucht war. „Ich fühlte mich bedrängt“, sagte die Zeugin. „Bei seinem nächsten Besuch kam es zu Beschimpfungen: Er weiß, wo ich wohne, er wird mir einen Knüppel über den Kopf hauen – da habe ich Angst bekommen.“

Der Gerichtsprozess geht im November mit mehreren Terminen weiter. Ein abschließendes Urteil ist demnach in den nächsten Wochen noch nicht zu erwarten.