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| 06:43 Uhr

Das freut die Angler in der Lausitz
Hunderttausende Aale wurden in den Spremberger Stausee eingesetzt

FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Klein Döbbern. Der Landesanglerverband hat rund eine halbe Million Glas-Aale vom Atlantik geholt. Überleben zehn Prozent die Attacken von Barsch und Kormoranen, dann wäre das schon ein Erfolg. Von Annett Igel-Allzeit

Ein Silberreiher sucht das Weite. Enten rufen von der Mitte des Stausees. Mehrere Angler aus Cottbus und Spree-Neiße helfen Marcel Weichhan und Daniel Müller vom Landesanglerverband, das kleine Boot ans Ufer der Talsperre in Klein Döbbern zu tragen. Der Bootsmotor schnurrt kurz auf Probe. Dann trägt Daniel Müller flache Styropor-Kisten ins Boot. Sechs Grad warm war das Wasser an der französischen Atlantikküste. Diese Temperatur musste auf der Autotour zur Talsperre Spremberg gehalten werden. „Drei bis vier Grad können diese kleinen Aale ausgleichen, mehr nicht“, erklärt Daniel Müller, während er mit einem Messer das Klebeband am Deckel zerschneidet. Er lächelt. Die Aale leben, und in der Wärme der Sonne bewegen sie sich immer schneller.

 In Styroporkisten sind die sieben Zentimeter langen Fische transportiert worden. Mehr als vier Grad Temperaturunterschied vertragen sie nicht.
In Styroporkisten sind die sieben Zentimeter langen Fische transportiert worden. Mehr als vier Grad Temperaturunterschied vertragen sie nicht. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit

Im Alter von drei Jahren sind sie noch ganz durchsichtig, weshalb sie auch Glas-Aale genannt werden. In der Saragossasee werden sie geboren. Und als wenige Millimeter lange Fädchen ziehen sie los. Der Golfstrom hilft ihnen, dass sie in drei Jahren den Atlantik überqueren. An der französischen Küste werden sie abgefischt und in europäische Binnenländer gebracht. Seit vielen Jahren, sagt Daniel Müller. „Schon die DDR sicherte sich mit dieser Methode den Aalbestand und Devisen“, weiß er.

 Winzig sind die Fische im Glas-Aal-Stadium.
Winzig sind die Fische im Glas-Aal-Stadium. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit

Durch die Querverbauungen der Flüsse schafft es der Aal schon lange nicht mehr, selbstständig aufzusteigen. Aber so einen ausgewachsenen Aal an der Angel zu haben, sei ein besonderes Gefühl, sagen die Angler. „Dieses Schlangenartige eben“, so Müller, „aber das erleben wir heute selten. Als ich Kind war, brachte Vater noch regelmäßig Aale mit nach Hause. Sie lagen dann über Nacht in der Badewanne, und wir Kinder haben mit ihnen gespielt.“

Marcel Weichmann versucht einige der Glas-Aale auf der Hand zu halten – für ein Foto. „Sie wollen los“, sagt er  und lacht. Weil es doch kitzelt? Und so schnell, wie sie zwischen seinen Fingern entgleiten, ist die erste Gruppe Glas-Aale auch im Schilf verschwunden. „Sie verstecken sich sofort“, erklärt Daniel Müller ihr Verhalten.

Die größte Gefahr für sie mit ihrer Sieben-Zentimeter-Länge sind jetzt der Barsche. Müller erkennt die Lieblingsplätze der Barsch-Schulen sofort. „Dort hinten zum Beispiel, wo sich der Baum zum Wasser neigt, würde ich jemanden hinschicken, der einen Barsch angeln möchte.“ Schilf, aber auch die Steinufer, bieten die winzigen Verstecke, die die Glas-Aale brauchen. „Deshalb werden wir auch an der Staumauer viele einsetzen“, sagt Müller.

Schnell sind die zwei Mitarbeiter des Landesanglerverbandes in ihre Gummistiefel geschlüpft. Die Angler aus der Region verabschieden sich, um weitere Glas-Aale zu anderen Gewässern zu bringen. Vorsichtig schieben sie Styropor-Kisten auf Rückbänke und in den Kofferraum. Auch der Lohnteich in Tschernitz wird Aale bekommen und die Vorsperre in Bühlow.

 Marcel Weichhan und Daniel Müller vom Landesanglerverband fahren an Stellen im Stausee, wo die kleinen Aale Schutz finden vor ihren Feinden.    Foto: Annett Igel-Allzeit
Marcel Weichhan und Daniel Müller vom Landesanglerverband fahren an Stellen im Stausee, wo die kleinen Aale Schutz finden vor ihren Feinden. Foto: Annett Igel-Allzeit FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit

Daniel Müller zieht die Schwimmweste fest. Kleine feinmaschige Kescher und auch das Taschenmesser werden mit ins Boot gelegt. Zwei Stunden, so schätzen die Männer, werden sie brauchen, um die halbe Million Glas-Aale auf ihrer großen Runde auf der Talsperre zu verteilen. Immer in kleinen Gruppen – falls doch Barsche auf sie aufmerksam werden. Sind sie etwas größer, greift sich auch der Wels gern mal einen Aal. Und schließlich sind es die Kormorane, die die Bestände dezimieren.

Etwa sechs, sieben Jahre tummeln sich die Aale in den hiesigen Süßgewässern – wenn sie nicht gefressen werden. „Dann sind sie geschlechtsreif. Aber bei uns vermehren sie sich nicht, sondern ihr Instinkt schickt sie dafür wieder auf die Reise“, erklärt Daniel Müller. Sie wollen zurück ins Meer, ins Salzwasser, in die Sargossasee südlich der Bermuda-Inseln, um dort zu laichen. Das Mysterium dieses Wanderfisches.

Wie der Landesanglerverband mitteilt, sind bereits in der vergangenen Woche 2,5 Millionen Aale eingesetzt worden. Am Donnerstag nun kamen noch einmal 1,5 Millionen Fische in Gewässer, die von Anglern betreut werden. Finanziert wurde das mit Mitteln aus der Fischereiabgabe des Landes Brandenburg. Ein Kilogramm Glas-Aale kostet in diesem Februar rund 300 Euro, weiß Daniel Müller. „Im Vorjahr war es mit 360 Euro pro Kilogramm etwas teurer. Vielleicht ist das Angebot diesmal größer“, vermutet er. Die vier Millionen Glas-Aale für Brandenburg hatten ein Gesamtgewicht von etwa einer Tonne.

Auch der Lachs, die Meerforelle und der Stör werden durch solche Wiederansiedlungs- und Besatzprojekte von den Anglern in Brandenburg in ihrem Bestand gestützt.

Marcel Weichhan und Daniel Müller schauen über den Stausee. Das Wetter ist schön für den Aalbesatz, und das Wasser liegt ruhig. Doch die Zukunft der kleinen quirligen Glas-Aale hier bleibt ungewiss. Noch viel mehr Fischtreppen müssten gebaut werden. „Wenn wir es schaffen“, sagt Daniel Müller, „dass zehn Prozent der Aale in unseren Gewässern am Leben bleiben und erwachsen werden, dann ist das schon ein großer Erfolg.“