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| 17:56 Uhr

Sorben und Wenden in der Lausitz
Kokot soll mehr Zuschauer haben

Roswitha Baumert (l.) zeigt den Mitgliedern des Ausschusses für sorbische/wendische Angelegenheiten  die Ausstellung im Dr.-Lotar-Balke-Haus in Drebkau.
Roswitha Baumert (l.) zeigt den Mitgliedern des Ausschusses für sorbische/wendische Angelegenheiten die Ausstellung im Dr.-Lotar-Balke-Haus in Drebkau. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Drebkau. Lausitzer Museenland ringt um größere Außenwirkung. Busverbindungen fehlen. Von Annett Igel-Allzeit

Als wäre der Schuster nur schnell zum Mittagessen gelaufen ... Seine Schürze hängt über der Stuhllehne. Ein Herrenschuh ist über den Dreifuß gezogen. Der Hammer liegt neben der Zange. Raspeln baumeln in den Werkbank-Kerben. Die Sorbische Webstube in Drebkau ist diesmal Sitzungsort des Spree-Neiße-Ausschusses für sorbisch-wendische Angelegenheiten. Die Mitglieder nehmen sich Zeit für einen Rundgang. Denn neue Informationen zum „Lausitzer Museenland“ stehen auf der Tagesordnung. Und das Drebkauer Museum, das jetzt den Zusatznamen Dr.-Lotar-Balke-Haus trägt, ist ein Paradebeispiel der kleinen Dorfmuseen, die auf ehrenamtliche Mitarbeiter bauen und nur tageweise öffnen können, weiß Babette Zenker. Sie arbeitet im Heimatmuseum Dissen. Aber als Sprecherin des Arbeitskreises „Lausitzer Museenland“ hat sie den Überblick.

Der Ethnologe Balke (1928 - 2008) hatte die Webstube in Drebkau 1982 eröffnet. Viele Exponate sind ihm zu verdanken, sagt Roswitha Baumert vom Förderverein des Museums. Ingrid Standke erklärt am Spinnrad den Unterschied zwischen Alpaka- und Schafwolle. Fred Kaiser, Ausschussvorsitzender, überlegt vor einer Wand mit Gasthof-Fotos, welche Schenken heute noch stehen und gar geöffnet haben.

Der Katalog der musealen Einrichtungen in Spree-Neiße – „Zeitreise“ heißt er – nennt 42 Museen im Landkreis: von der Heimatstube Burg übers Niederlausitzer Sorbische Dorfmuseum Bloischdorf und das Spielzeugmuseum Kackrow bis zur Alten Mühle in Proschim. Auch auf das Ostereiermuseum im sächsischen Sabrodt sowie das Flugplatzmuseum und das Wendische Museum im kreisfreien Cottbus wird hingewiesen. 20 der Museen, so Babette Zenker, befassen sich mit sorbisch-wendischen Themen. Und 20 Jahre sei es her, dass sich der Arbeitskreis „Lausitzer Museenland“ zu bilden begann. Die Museumsnacht war eins der ersten Kinder. „Damals hatten das nur große Städte wie Berlin“, erinnert sich Kreisdezernent Hermann Kostrewa. „In diesem Jahr verteilte sich die Nacht auf drei Wochenenden, damit Besucher so viele Angebote wie möglich wahrnehmen konnten“, so Babette Zenker.

Auch vom sorbisch-wendischenRadweg mit dem Lindenblatt erzählt sie. Er verbindet die Einrichtungen, die sich mit der Minderheit befassen. Aber Babette Zenker macht sich auch Sorgen: Die Stelle des Koordinators, der den kleinen Museen hilft, ihre Internetseiten einzurichten, Veranstaltungen anzukündigen, den Erfahrungsaustausch organisiert, Förderanträge vorbereitet, Plakate entwickelt, laufe zum Jahresende aus. „Er ist ein kompetenter Koordinator. Und wir hoffen sehr, dass es eine Möglichkeit gibt, ihn zu halten“, sagt Babette Zenker. Sie wolle eine Finanzierung der Stelle, auf die Verlass ist.

Das Museenland ist keine Pflichtaufgabe im Kreishaushalt. 350 000 Euro im Jahr sollen dafür zur Verfügung stehen. Kreisdezernent Kostrewa: „Beschließen muss es der Kreistag. Auch wir wollen die Stelle des Koordinators halten – im Rahmen der vorhandenen finanziellen Möglichkeiten.“ In einer Bündelung, wie sie der Koordinator schafft, sieht Kostrewa nämlich Chancen für mehr überregionale Aufmerksamkeit.

Im Jubiläumsjahr des Forster Rosengartens sei das mit der Außenwirkung über die Kreisgrenze hinaus prima gelaufen, sagt er. „Reiseunternehmen nahmen den Rosengarten in ihr Programm auf, viele Reisebusse brachten Touristen. Aber schon ein Jahr später brach das wieder ab.“ Fred Kaiser erzählt von einem Gast aus Norddeutschland zum Kokot. „Er fand unsere Veranstaltung toll, wunderte sich nur, dass so wenig Gäste kommen. Ich war stolz auf die 1000 Besucher zum Hahnrupfen“, so Kaiser. Beim Tonnenreiten im Ostseebad Wustrow, so der Gast, seien es 10 000. „Da habe ich überlegt, was wir hier falsch machen.“ Auch der Drebkauer Ortsteil Casel hat mit dem Johannisreiten so ein Alleinstellungsmerkmal, das touristisch zu wenig beworben wird. Paul Köhne, Drebkaus Bürgermeister, hatte gleich zu Sitzungsbeginn davon erzählt. Spree-Neiße ist der Landkreis mit dem größten Anteil am sorbisch-wendischen Siedlungsgebiet in Brandenburg. Aber mehr Touristen, die sich für sorbisch-wendische Bräuche interessieren, landen im sächsischen Teil der Lausitz.

Fans findet im Ausschuss die Idee, Landschulheime mit einem sorbisch-wendischen Paket auszustatten. Die Minderheit stehe in Brandenburg im Lehrplan, bestätigt Meto Nowak, Referent der Landesbeauftragten für Angelegenheiten der Sorben/Wenden im Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Aber weil auch er Jugendgruppen in die Lausitz holt, kennt er den Haken dieser Idee: der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Spree-Neiße. „Unsere Museen und Landschulheime brauchen eine bessere Busanbindung. Der Rufbus, mit dem wir es versucht hatten, kommt nur mit einem Fahrzeug, in das fünf Leute passen. Das geht bei Schülergruppen nicht. Also kann ich keinen Gruppen mehr Landschulheime wie in Jerischke oder Burg empfehlen“, so Meto Nowak.

Auch für den Sorbisch-Wendisch-Unterricht sei der Schülerverkehr ein Hemmschuh: Nicht jedes Kind, das Niedersorbisch lernen will, kommt mit dem Bus in eine Schule, die das anbietet. Und wo die Sprache gelehrt wird, liegen die Stunden am Rand des Unterrichts, wo die Heimfahrt nicht immer gesichert ist. Wie Kostrewa bestätigt, werde mit dem Verkehrsunternehmen der ÖPNV am Nachmittag gerade noch einmal nachgebessert. Das Problem mit den Landschulheimen und Museen nehme er mit.

In der Sorbischen Webstube: Der Schuster scheint nur kurz seine Schürze über den Stuhl gehängt zu haben.
In der Sorbischen Webstube: Der Schuster scheint nur kurz seine Schürze über den Stuhl gehängt zu haben. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit