| 02:36 Uhr

Klassische Erdgräber sterben aus

Auch nachbarschaftliche Sargträgerdienste gibt es nur noch selten – wie das Friedhofskonzept für Spremberg konstatiert.
Auch nachbarschaftliche Sargträgerdienste gibt es nur noch selten – wie das Friedhofskonzept für Spremberg konstatiert. FOTO: Fotolia
Spremberg. Spremberg verfügt über eine viel zu große Friedhofsfläche. Auf jeden Einwohner der Stadt entfallen derzeit 6,7 Quadratmeter, wobei der Bedarf weit geringer ausfällt: Das geht aus dem Friedhofskonzept des Rathauses hervor. René Wappler

Nur noch einer von zehn Toten in Spremberg findet seine letzte Ruhe in einem klassischen Erdgrab. In 90 Prozent der Sterbefälle kommt es zum Einäschern, wie Rathaus-Mitarbeiterin Doritha Drews im aktualisierten Friedhofskonzept mitteilt.

Damit folgt Spremberg einer grundsätzlichen Tendenz. Der Bundesverband deutscher Bestatter berichtet: "Generell geht der Trend zur Wahl einer Feuerbestattung." Zwar habe sich die Friedhofskultur zu jeder Zeit verändert und neuen gesellschaftlichen Strömungen angepasst. Doch in den vergangenen Jahren sei das Tempo solcher Umbrüche noch einmal gestiegen.

Dies wirkt sich ganz konkret auf Spremberg aus. Die Friedhofsfläche in der Stadt ist 10,8 Hektar zu groß. Allein der Waldfriedhof als größte Anlage dieser Art in der Stadt beherbergt nach den Unterlagen des Rathauses bei einer Gesamtfläche von 47 694 Quadratmetern nur noch 6500 Quadratmeter an Grabstätten. Der Georgenbergfriedhof weist ebenfalls nur noch "eine geringe Anzahl von Grabstätten auf", wie das Konzept vermerkt. Von den 4000 Quadratmetern des Cantdorfer Friedhofes sind 322 Quadratmeter belegt.

Dieses Muster zieht sich durch die Stadt: Es gibt weniger Grabstätten als früher in Anlagen, die mittlerweile bei 70 Prozent an ungenutzter Fläche überdimensioniert wirken. Daran dürfte sich langfristig nichts ändern. Auch das jüngste Gutachten zur Zusammenarbeit von Spremberg mit Welzow, Drebkau und Altdöbern prognostiziert, dass der Einwohnerschwund aufgrund der Abwanderung von Arbeitskräften weitergeht.

Wegen des Wegzuges junger Leute aus der Region lösen sich vielerorts familiäre Strukturen auf. Damit fehlen Menschen, die Gräber pflegen.

Der Bundesverband deutscher Bestatter berichtet von "finanziell engeren Spielräumen für manche Bevölkerungsschichten", die ebenfalls dazu beitragen, dass die klassische Erdbestattung dem Urnengrab weicht. Künftig werden immer mehr Menschen ohne Angehörige sterben, wie das Spremberger Friedhofskonzept anmerkt. So bleibt in Deutschland inzwischen ein Drittel eines Jahrgangs an Frauen zeitlebens kinderlos: Diese hohe Quote gilt weltweit als einzigartig. Daraus resultiert, dass langfristig nichts am Abbau von Friedhofsflächen und sogar dem Schließen ganzer Anlagen vorbeiführt. Im Spremberger Stadtgebiet kämen dafür die Anlagen in Slamen und auf dem Georgen berg in Frage.

Über die Folgen des Konzepts für die Dörfer der Spremberger Region diskutierten die Mitglieder der Ortsbeiräte im vergangenen Jahr. Das Gremium in Cantdorf lehnt den Vorschlag ab, seinen Friedhof zu schließen. Ihm pflichtet der Ortsbeirat von Lieskau bei: Gerade älteren Menschen sei es nicht zuzumuten, mit dem Bus in die Stadt auf den Friedhof zu fahren, um zu trauern und im Sommer fast täglich zu gießen. Deshalb solle jeder Ortsteil seine Anlage behalten. Diesen Standpunkt vertritt auch der Ortsbeirat von Türkendorf, der eher dafür plädiert, bei Bedarf die jeweilige Fläche zu reduzieren. Raik Nowka vom Ortsbeirat in Graustein weist darauf hin, dass die Stadtverordneten - zu denen auch er als CDU-Mitglied zählt - gegen das Schließen von Friedhöfen gestimmt haben: Besser sei es, Flächen zu verkleinern oder von der jeweiligen Anlage loszulösen und zu verkaufen.

Trotzdem halten die Mitarbeiter des Rathauses nach wie vor das langfristige Schließen von Friedhöfen für nötig: Das erklärt Fachbereichsleiter Gerd Schmiedel. Nur so könne sich die Stadt dem künftigen Bedarf anpassen und wirtschaftlicher arbeiten.

Zum Thema:
Derzeit bewirtschaftet die Stadt Spremberg 20 Friedhöfe mit ingsesamt 4669 Grabstätten, wie Fachbereichsleiter Gerd Schmiedel mitteilt. Der Friedhof als Kosten rechnende Einheit müsse sich an marktwirtschaftlichen Bedingungen orientieren und das aktuelle Gebührensystem anwenden. Über das Konzept für die Anlagen beraten die Mitglieder des Bauausschusses am Montag, 16. Januar, um 18 Uhr im Ratssaal des Bürgerhauses.