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| 14:38 Uhr

Schule im Winter
Bügeleisen glättet Herz aus Eis

Ingo Matysiak zeigt den Kindern, wie kunstvolle Formen aus Eisblöcken entstehen.
Ingo Matysiak zeigt den Kindern, wie kunstvolle Formen aus Eisblöcken entstehen. FOTO: René Wappler / LR
Spremberg. Die Kinder am Spremberger Haus des Lernens formen Kunstwerke im Frost. Von René Wappler

Mit einem Bügeleisen beugt sich Ingo Matysiak über den Eisblock. Bei minus zehn Grad umringen ihn die Kinder. Er setzt das Gerät auf der Oberfläche an, fährt über den Block und sagt: „Jetzt wird alles schön glatt.“

Überall in Deutschland suchen die Leute derzeit Zuflucht in warmen Stuben, um sich dem Frost bloß nicht zu sehr auszusetzen. Die Schüler am Spremberger Haus des Lernens wählen unterdessen eine mutigere Strategie. Sie schauen in der Kälte zwei erwachsenen Besuchern aus Strausberg dabei zu, wie sie Eis in Kunst verwandeln. Dann greifen die Kinder selbst zum Meißel.

Ein paar Minuten bleiben Ingo Matysiak und Marcel Heisterkamp für das Mittagessen in der Schule, bevor sie draußen wieder ans Werk gehen. Bei einem Menü aus Schupfnudeln und roter Grütze mit Vanillesoße erzählen sie von ihrer Arbeit. In Strausberg gründeten sie eine Firma für den Vertrieb zerkleinerter Eiswürfel. Als sich das Geschäft nicht so gut entwickelte wie gewünscht, folgte Ingo Matysiak einer Idee seiner Frau.

„Sie arbeitet in einem Hort“, sagt er. „Eines Tages schlug sie mir vor, doch mal gemeinsam mit den Kindern Skulpturen aus Eis anzufertigen.“ Das Projekt kam nach seinen Worten so gut an, dass daraus ein neuer Geschäftszweig für die kleine Firma erwuchs.

Nun reisen die beiden Männer also von Schule zu Schule. Vor dem Haus des Lernens in Spremberg packen sie Kisten aus ihrem Tiefkühlauto. Jede Kiste wiegt 30 Kilogramm, bestückt mit vier Eisblöcken.

Den Kindern aus der dritten Klasse ruft Ingo Matysiak zu: „Wisst Ihr denn schon, was Ihr daraus machen wollt?“

Die Schüler rufen durcheinander.

„Einen Fernseher!“

„Einen Mond“

„Einen Pilz!“

„Oh“, sagt Ingo Matysiak. „Einen Pilz hatten wir noch nicht.“

Er wuchtet einen Eisblock auf die Plattform. Die Kinder stehen im Kreis um ihn herum.

„Immer mit beiden Händen von oben hinunter meißeln“, erklärt er. „Wenn Ihr nicht vorwärts kommt, einfach mal den Meißel umdrehen.“

Er demonstriert, wie es geht. Innerhalb von fünf Minuten formt er ein Herz aus dem Block. Die Runde staunt, als er das Bügeleisen hervorzaubert und das Eis damit glatt streicht. „Boah, wie krass ist das denn!“

Der Drittklässler Hugo sagt: „Er hat das ja auch gelernt, deshalb geht das so schnell.“

Nun gehen die Kinder ans Werk.

Leopold verkündet: „Ich meißle ein Schwert in einem Stein.“

Anton überlegt einen Moment. Dann hat er sich entschieden. „Ich forme eine Musiknote aus dem Eis.“

Nele sagt: „Ich will einen Fisch daraus machen. Aber wie soll ich das hinkriegen?“

Die beiden erwachsenen Gäste helfen den Kindern beim Meißeln.

„Sie sollen ja vor allem Spaß dabei haben“, sagt Ingo Matysiak. „Wenn sie den Umgang mit Werkzeug lernen, umso besser.“

Die Lehrerin Daniela Hecht hat angeregt, das Projekt der beiden Eiskünstler nach Spremberg zu holen. „An unserer Schule sind alle ganz begeistert davon, was sich in kurzer Zeit aus diesen Blöcken schaffen lässt.“

Ihre Kollegin Anne Böhme pflichtet ihr bei. „Erst konnte ich mir nicht so viel darunter vorstellen“, sagt sie. „Aber dann waren wir total fasziniert von den Figuren, die sich aus dem Eis schälen.“

Auch im Schulgebäude ist die Eiszeit angebrochen. So haben Ingo Matysiak und Marcel Heisterkamp in einem Klassenzimmer ein zotteliges Wollhaarmammut aufgestellt. Bevor sie wieder draußen in der Kälte mit dem Meißel arbeiten, unterhalten sie sich mit Kindern aus der ersten Klasse über die frühen Tage des Planeten Erde.

„Wisst Ihr denn, wie einst die Berge entstanden sind?“

Schülerin Helena meldet sich. Fachlich korrekt erläutert sie: „Erdflächen sind auseinander gebrochen und haben sich dann wieder zusammen geschiebt.“

So bildeten sich damals neue Strukturen aus vorhandenem Material, wie es jetzt auch auf dem Spremberger Schulhof passiert. Für die Kinder stehen Kühltaschen bereit, in denen sie ihre fertigen Kunstwerke mit nach Hause nehmen können, um sie den Eltern zu präsentieren.

Zwar wären bei der Eiseskälte solche Taschen gar nicht nötig.  Aber sicher ist sicher.