Von Marcel Laggai

Was am Mittwoch im Zuge der laufenden Koalitionsverhandlungen der brandenburgischen Regierung – zumindest mündlich – beschlossen wurde, ließ zahlreiche Proschimer vorsichtig aufatmen. Auf Druck der Verhandlungsführerin der Grünen, Ursula Nonnenmacher, wurde sich darauf geeinigt, dass es in Brandenburg keinen neuen Braunkohletagebau und auch keine Erweiterung bestehender Tagebaue geben sollen. Somit scheint die jahrelange Zitterpartie um die Zukunft von Proschim zu Ende. Unweit der Grube des Tagebaus Welzow Süd war es lange Zeit fast schon sicher, dass der beschauliche Ort der Erweiterung des Teilfeldes 2 weichen muss.

Erhard Lehmann, der einst das Amt des Ortsvorstehers von Proschim besetzte und Mitglied des örtlichen Mühlenvereins ist, warnt indes vor voreiliger Freude: „Noch ist der Koalitionsvertrag nicht verabschiedet und solang ist eben auch noch nichts in Sack und Tüten.“ Trotzdem freue er sich über den Vorstoß der Grünen und die mögliche Einigung, heißt es weiter. Lehmann, selbst über 25 Jahre als Bergmann tätig, hat seine Sicht auf die Kohle indes gewandelt und setzt sich – zusammen mit anderen Dorfbewohnern – gegen weitere Tagebaue und für eine Zukunft von Proschim ein. Ohnehin halte der Rentner die Abkehr von der Kohle für einen längst überfälligen Schritt. „Es gibt so viele Möglichkeiten sauberen Strom zu erzeugen, sodass wir auf fossile Brennstoffe eigentlich nicht mehr zurückgreifen müssen.“

Obwohl der ehemalige Ortsvorsteher die Sorge um die circa 8000 „wackelnden“ Arbeitsplätze sehr wohl nachvollziehen kann, seien es ihm zufolge besonders die Chefetagen, die Fortbetrieb der Tagebaue anstreben würden. „Es sind doch vielmehr diejenigen die in Cottbus sitzen, die sich Sorgen um ihre horrenden Gehälter machen und nicht der ‚gemeine’ Arbeiter, der mit 3000 oder 4000 Euro nach Hause geht.“ Lehmann hebt derweil hervor, dass der Schritt der Regierung doch vielmehr einem größeren Ziel diene, nämlich der Rettung des Klimas. „Mich und meine Frau wird das alles bestenfalls noch 30 - 40 Jahre betreffen, aber unsere Kinder sind weitaus länger da und sie sollen ebenfalls die Chance auf eine gesunde Zukunft haben“, sagt Lehmann, der sich offenkundig freut, dass Proschim möglicherweise nun doch vor einer Umsiedlung bewahrt wird.

Welzows Bürgermeisterin, Birgit Zuchold (SPD), begrüßt derweil die klaren Aussagen im Zuge der Koalitionsgespräche zwischen SPD, CDU und Grüne. „Damit hätte das lange Bangen um Proschims Zukunft ein Ende und die Anwohner Gewissheit, dass der Ort nicht mehr vom nahenden Tagebau gefährdet ist“, so die Stadtchefin. Allerdings würden sich aus dieser Entscheidung gleichwohl neue Herausforderungen ergeben – speziell für das Revier. Von daher sieht Birgit Zuchold die Regierung mehr den je in der Pflicht „neue Perspektiven für Arbeiter und Region zu erarbeiten“.

Durch das vom Bundeskabinett beschlossene Strukturstärkungsgesetz sollte es an den nötigen Geldern zumindest nicht fehlen. Um auch aus der Region heraus, eigenständig zukunftsfähige Konzepte zu erarbeiten, schlossen sich im Jahr 2016 zahlreiche regionale Vertreter von Landkreisen, Städten, Ämtern und Gemeinden zur sogenannten Lausitzrunde zusammen. Dieses Gremium, dem auch Birgit Zuchold angehört, hat sich zum Ziel gesetzt, die Strukturentwicklung der Lausitz aktive mitzugestalten.

Die Lausitzer  Energie Kraftwerke AG (Leag), als Betreiber des Tagebaus Welzow, mahnt indes an: „Sollten die Forderungen der Grünen laut aktuellem Stand der Koalitionsgespräche sich auf das Teilfeld Welzow-Süd II beziehen und so umgesetzt werden, würde das einen massiven Eingriff in unser Lausitzer Revierkonzept darstellen und die Landesplanung bisheriger Landesregierungen konterkarieren.“ Weiterhin bedeute dies einen gültigen Braunkohlenplan außer Kraft zu setzen und somit dem Unternehmen und der Belegschaft die Planungssicherheit zu entziehen, heißt es von Leag-Pressesprecher Thoralf Schirmer weiter. Ferner plane sich die Leag – wie angekündigt – erst im kommenden Jahr zur Causa „Teilfeld II“ zu äußern und ihre Investitionsentscheidung von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingen für dieses Vorhaben abhängig zu machen.