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Kein Schönreden der Dichter gewollt

Spremberg. Die "Literaturfreunde Peter Jokostra" wehren sich gegen den Vorwurf, sie wollten dem Erbe des Schriftstellers Erwin Strittmatter in Spremberg schaden: Ihnen geht es demnach vielmehr darum, offen zu benennen, was beide Autoren "im Licht ihrer Zeit taten". René Wappler

Wenige Wochen vor der Lesung aus dem Werk von Peter Jokostra äußert sich Matthias Stark von den Literaturfreunden grundsätzlich zum Konflikt zwischen den Schriftstellern: "Wir können uns das Erbe von Erwin Strittmatter wie auch das von Peter Jokostra nicht aussuchen und es uns auch nicht schönreden." So gehöre es zur Geschichte von Strittmatter, dass er mit seinem ehemaligen Freund nicht zimperlich umging - indem er ihn der Dekadenz bezichtigte, damit ein literararisches Todesurteil aussprach und ihn später in der "Wundertäter"-Trilogie verspottete. Genau so wenig hätte Jokostra nach seiner Flucht in den Westen versuchen müssen, das Erscheinen der Werke von Ost-Autoren wie Anna Seghers und eben Strittmatter zu verhindern.

Mit diesen Worten geht Matthias Stark indirekt auch auf einen Brief ein, den Harald Neudorf aus Welzow an die Spremberger Stadtverordneten schickte. Angesichts der Pläne für eine Jokostra-Gedenktafel fragte Harald Neudorf: "Wollte er eine in Westdeutschland nicht existierende staatliche Zensurbehörde durch eine persönliche, private ersetzen?" In seinem Brief zitierte der Welzower einen Beitrag des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, veröffentlicht im Jahr 1962 in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit": Als Antwort auf den Ostberliner ,Schutzwall`' wolle Jokostra "einen westdeutschen literarischen Schutzwall errichten", stellte Reich-Ranicki fest - und er hielt dagegen: "Das würde ja auf die klassische Propagandataktik der totalitären Staaten hinauslaufen."

Unterdessen glaubt Matthias Stark von den "Literaturfreunden Peter Jokostra": Mit Blick auf die aktuelle Spaltung der Gesellschaft sei Peter Jokostra "sehr aktuell": Sein Eintreten für den Frieden, die strikte Ablehnung "ethnischen Hasses" und das Verarbeiten seiner Kriegserlebnisse in seinen Romanen verdiene Respekt. Zugleich betont Matthias Stark: "Man sollte Künstler generell nicht zu vergleichen versuchen." Das Werk von Strittmatter sei unbestritten groß, es stehe "als Fels in der Brandung". Das Werk von Jokostra falle vom Umfang her etwas kleiner aus, besitze aber ebenso Gewicht.

Wäre Erwin Strittmatter noch am Leben, würde er Abbitte leisten: Das vermutet Renate Brucke, die im Buch "Von Bohsdorf nach Schulzenhof" ein fiktives Interview mit dem berühmten Schriftsteller veröffentlicht hat. "In den fünfziger Jahren war seine Art, Gedichte zu schreiben, unerwünscht", lässt sie Erwin Strittmatter darin sagen.

Erwähnung findet auch Erwin Strittmatter in einem weiteren Werk, das kürzlich erschienen ist: dem "Handbuch zur Geschichte der Kulturlandschaft der Niederlausitz und südlichen Lubuskie", herausgegeben von Günter Bayerl, Leszek C. Belzyt und Axel Zutz. Darin schreibt der Autor Sven Brajer: "Als Mitglied der SPD vor 1933, danach der nationalsozialistischen Ordnungspolizei, und als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit ist seine Biografie äußerst widersprüchlich und zeigt in ihrer Ambivalenz, dass auch die Menschen in der Niederlausitz nicht von den einschneidenden Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verschont geblieben sind."

Ähnlich äußert sich Matthias Stark über Peter Jokostra: In dessen Person lasse sich die Zerrissenheit jener Generation erkennen, die zwischen dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und der Nachkriegszeit im dann geteilten Deutschland lebte.

Zum Thema:
Unter dem Titel "Menschlichkeit in schweren Zeiten" lädt die Spremberger Kreisbibliothek am Sonnabend, 5. November, ein: Klaus Krause, Matthias Stark und Benjamin Voß wollen ab 18 Uhr aus Werken Peter Jokostras lesen. Der Autor lebte von 1912 bis 2007. Er wuchs in Spremberg auf, schrieb Romane, Lyrikbände und Sach- und Reiseliteratur.