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| 17:27 Uhr

Spremberg
Am Wochenende ist er Kapitän

Peter Wolf stakt gern Interessierte durch die Spree in Spremberg.
Peter Wolf stakt gern Interessierte durch die Spree in Spremberg. FOTO: Detlef Bogott
Spremberg . Peter Wolf stakt Freunde über die Spree und erzählt von einer Spremberger Tradition.

Glucksend verschwindet das Spreewasser unter breiten Bug des Kahns. Schnell stakt Peter Wolf an die kleine Halbinsel links vorm Weißen Wehr heran und lüftet die Kapitänsmütze. 250 Kahnschippen hat er nach dem großen Regen am Donnerstag aus seinem Kahn schöpfen müssen. Auch Bäume sind bei diesem Guss in die Spree gefallen. Fünf Passagieren und einem Hund hilft Peter Wolf übers fehlende Brett am kleinen Holzsteg. Die Stimmung im Kahn wird schnell fröhlich. Die Sonne, der Wind, die Menschen am Ufer, die winken, egal ob sie radeln, die Gartenidylle genießen oder auf der Bootshausterrasse Kuchen essen.

Es ist Peter Wolfs siebte Kahnpartie. Der Spremberger Bauunternehmer und Kettensägenschnitzer will eine Spremberger Tradition retten. Deshalb stakt er am Wochenende Freunde über die Spree. Der Großvater und auch der Großvater seines Großvaters seien Kapitäne gewesen, erzählt er. Auf der Elbe zwischen Pirna und Hamburg. „Ich kam mit dem Studium der  Melioration in den 80er-Jahren auch aufs Wasser.“ Und wer mit dem Schwimmbagger Sprembergs Schwanenteich entschlammt, braucht einen Kahn.

Eine Kahnpartie auf der Spree, so erzählt er, haben die Spremberger schon vor mehr als 100 Jahren zu schätzen gewusst. Von den „Kahnkossacks“ – Emil und Julius Kossack hießen die Brüder, die 1914 zwischen Stadtmühle und Langer Brücke den Kahnbetrieb starteten – hat im Heimatkalender 1999 Wilfried Klausch geschrieben. Bis 1937 lief das Geschäft. Es zeugen doch einige Fotos und Postkarten von dieser Tradition. Wilfried Klausch und weitere Kanuten ließen sie 60 Jahre später – im Jahr 1997 – wieder aufleben. „Sie haben sich meinen Kahn ausgeliehen, die Bänke befestigt“, erzählt Peter Wolf. Doch Klausch und seine Mitstreiter sind in die Jahre gekommen, und die Spree hat sich braun gefärbt.

Der Eisenhydroxidschlamm hat seinen Anteil am Zustand der Stege. Auch die untersten Blätter der Weiden, die ihre Zweige ins Wasser hängen lassen, sind braun. Doch es gibt auch Schönes zu entdecken: Das Seniorenheim, das sich mit dem Mühlenwehr im Wasser spiegelt, die Kanuten, die sich am Weißen Wehr in den Strudel werfen und die Eskimorolle beherrschen, Seerosen an der Gartensparte „Klein Venedig“. Ein Häuschen der einstigen Badeanstalt kann er seinen Passagieren noch zeigen, von Nutrias und einem Mink erzählen. Schließlich setzt sich die Grüne Flußjungfer auf den Kahnrand. In Deutschland gilt  die große Libelle nicht mehr als gefährdet, aber sie ist noch streng geschützt und ein Indiz dafür, dass die Wasserqualität der Spree nicht ganz so schlecht sein kann.

Nein, von Zeiten, wo die Spremberger bis auf den Grund ihres Flusses gucken konnten, sei die Spree weit entfernt. „Aber es war auch schon schlimmer“, weiß Peter Wolf, „und als vor mehr als zehn Jahren langes Gras den Grund bedeckte, gefielt das auch nicht allen. Dass die Spree wieder klar wird, wird unsere Generation nicht mehr erleben.“

Am Mühlenwehr muss er derzeit drehen. Die Schleuse ist mal wieder kaputt, die Kurbel überdreht, was auch die manuelle Bedienung und die schönsten Stadtansichten vom Wasser aus verhindert. Stromaufwärts – zu den Quellen – lässt Peter Wolf den Motor leise summen. Vorbei geht es am Kilometerstein 261 bis zur 262. An der Mündung bei Berlin beginnt das Kilometerzählen.

Dass die Spree sich verbreitert hat, zeigen die Holzpfähle der alten Uferbegrenzung. Schwarzerlensammen sind an den Pfählen hängen geblieben, die Bäumchen, die aus dem Samen heranwuchsen, wirken wie aufgepfropft. Doch dann wird die Bonsai-Idylle von einem Johlen am Ufer übertönt. Junge Feuerwehrkameraden entdecken das letzte Team ihrer Schlauchbootübung in der Spree im Schlepptau von Peter Wolfs Kahnpartie.

Stromabwärts stakt Peter Wolf wieder etwa 1,60 Meter tief. Er erzählt vom Bau des Molkereigrabens und der Aufgabe des Schwanenteiches. Der Sand knirscht unter der Stange, die im Spreewald Rudel heißt. „Wo das Wasser ruhiger fließt, ist der Sand feiner“, erklärt er. Gewerbsmäßig und mit mehr als acht Gästen kann er die Touren noch nicht anbieten. Dazu fehlt ihm der Schiffsführerschein für die Personenbeförderung. Er hofft, die 100 Stunden bei einem Fährmann im Spreewald absolvieren zu können. Bis dahin rettet er auf Nachfragen von Freunden die Tradition und gerne auch junge Feuerwehrleute.

Auch die Feuerwehr nimmt Peter Wolf stromaufwärts schon mal ins Schlepptau.
Auch die Feuerwehr nimmt Peter Wolf stromaufwärts schon mal ins Schlepptau. FOTO: LR / Annettt Igel-Allzeit