ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 03:08 Uhr

Johannes Kapelle ist Opa ohne Lobby

Mit seinem 62 Jahre alten Deutz-Traktor bildet Johannes Kapelle die Eingangsszene zu seinem neuen Film. Das Fahrzeug laufe noch immer wie geschmiert.
Mit seinem 62 Jahre alten Deutz-Traktor bildet Johannes Kapelle die Eingangsszene zu seinem neuen Film. Das Fahrzeug laufe noch immer wie geschmiert. FOTO: T. Richter/trt1
Proschim. Wer hinter dem Filmtitel "Opa ohne Lobby" eine lockere Sommerkomödie vermutet, liegt gänzlich falsch. Denn in dem Streifen geht es um die Abbaggerung von Dörfern in der Lausitz. Die Hauptrolle spielt dabei Johannes Kapelle aus Proschim. Torsten Richter / trt1

Der Film beginnt sanft. Die Bilder zeigen das sommerliche Alltagsleben in Proschim. Landwirt Johannes Kapelle, als "Opa ohne Lobby" in der Hauptrolle, ist mit seinem Traktor unterwegs und freut sich auf die nächste Ernte. Doch plötzlich trüben dunkle Wolken die beschauliche Idylle.

Allerdings zieht kein Gewitter auf, sondern der drohende Tagebau rückt bedrohlich nahe ans Dorf heran. Kapelle wechselt die Kleidung, geht in die Kirche und spielt dort auf der Orgel ein dramatisch klingendes Werk des russischen Komponisten Sergej Prokofjew. Vor seinem geistigen Auge erscheinen die Grabtafeln bereits abgebaggerter Lausitzer Dörfer. Als plötzlich Proschim auftaucht, beendet der Organist urplötzlich sein Spiel. Auf ihn wartet schließlich eine wichtige Aufgabe. Wie ein Prophet steht der "Opa ohne Lobby" zwischen seinem Dorf und dem Bagger und versucht, das drohende Unheil abzuwenden. Gedreht wurde der knapp zweiminütige Streifen, der durchaus martialisch wirkt, vom Buckower Unternehmen Sommerreich UG. Der Kontakt nach Proschim sei in erster Linie durch das dort für Mitte Juli geplante Klimacamp zustande gekommen. Die beiden Protagonisten Sebastian Sommerschuh und Janin Reichenberg hätten auf Mitleid mit dem alten Mann setzen wollen, der gegen die aus ihrer Sicht mächtige Braunkohlenlobby machtlos sei. "Ich bin aber grundsätzlich gegen Mitleid", stellt Johannes Kapelle klar. Vielmehr habe er im Streifen eine Verwandlung zum Guten hin symbolisieren wollen. Als Vorbilder hätten ihm dabei der sorbische Zauberer Krabat, Goethes Faust und Hiob als biblische Gestalt gedient.

Am Ende des Streifens bleibt es jedoch der Phantasie der Zuschauer überlassen, ob Proschim tatsächlich gerettet werden kann. Damit dies tatsächlich so kommt, werden die Zuschauer am Ende aufgefordert, ihre Unterschrift gegen den Braunkohlenplan für das Tagebau-Teilfeld Welzow-Süd II, dem das Dorf zum Opfer fallen würde, zu leisten. Mit dem Filmtitel "Opa ohne Lobby" ist Johannes Kapelle, der bereits in weiteren Streifen, beispielsweise in "Träume der Lausitz", mitspielte, nicht glücklich. Denn es sei in der Realität keineswegs so, dass Kohlegegner keine Sympathie und Unterstützung in der Bevölkerung fänden. Immerhin hätten sich mit Proschim mehrere Umweltgremien, darunter Greenpeace, solidarisiert. Allerdings sei die Filmfirma nicht von ihrem Titel abzubringen gewesen. Der vor 53 Jahren nach Proschim eingeheiratete Lehrer, der ursprünglich aus Welzow stammt, weiß, wo von er spricht. Schließlich steht das Schicksal der Heimat nicht zum ersten Mal auf dem Spiel. Im Zuge des Aufschlusses des Tagebaus Proschim Ende der 1980er-Jahre waren von den einst 560 Einwohnern bereits 330 weggezogen. Familie Kapelle selbst hatte bereits mit den Bauvorbereitungen im benachbarten Partwitz als Umsiedlungsstandort begonnen. Dann kam die politische Wende, und der Ortsabriss war gestorben. Zumindest vorerst. Doch Kapelle, der in Proschim meist "Hans" genannt wird, ist sicher, dass der Ort dauerhaft bleibt. "Uns spielt die Zeit in die Hände. Denn die Entscheidung für das Tagebau-Teilfeld Welzow-Süd II kommt zu spät. Die Nähe zum Seenland und die damit verbundenen teuren Sicherungsmaßnahmen werden zur Einstellung des Vorhabens führen", gibt sich der 77-Jährige optimistisch.

Seit Ende Juni steht der Film "Opa ohne Lobby" im Internet. Häufig hätten Kapelle schon Menschen darauf angesprochen. "Die Reaktionen sind begeistert. Keiner hat bislang gesagt, dass der Streifen Mist sei", fast der Schauspieler zusammen. Das bestätigt der frühere Proschimer Bürgermeister Erhard Lehmann. Er habe den Film zwar noch nicht in Gänze gesehen, wisse aber um die positive Resonanz. "Es gab bislang keine Ablehnung", sagt Lehmann. Etwas anders sieht der Verein "Pro Lausitzer Braunkohle" den Streifen. In einer Stellungnahme ist von der "Erzeugung von Horrorszenarien" die Rede. "Was wir aber garantiert nicht machen werden, ist, uns von sachlicher Argumentation zu verabschieden und Panikmache zu betreiben", erklärt Vereinssprecher Andreas Groebe.

Das Bergbauunternehmen Vattenfall Europe zeigt sich zu "Opa ohne Lobby" zurückhaltend. Laut Sprecher Thoralf Schirmer kommentiert der Konzern den Film nicht.