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| 12:45 Uhr

Händlerin aus Spremberg übergibt ihr Geschäft
Jetzt kommt die Rente in Mode

Heidrun Buchholz (links) wird sich auch von Verkäuferin Carmen Müller verabschieden.
Heidrun Buchholz (links) wird sich auch von Verkäuferin Carmen Müller verabschieden. FOTO: LR / Rene Wappler
Spremberg. Die Unternehmerin Heidrun Buchholz verabschiedet sich mit 69 Jahren in den Ruhestand. Von Rene Wappler

Als die Kundin das Modegeschäft an der Langen Straße nach ihrem Einkauf verlassen will, fragt Heidrun Buchholz: „Kann ich mich verabschieden?“

Die Kundin stutzt.

Heidrun Buchholz sagt: „Ich ziehe weg.“

Die Kundin ruft: „Wir sehen uns dann  gar nicht mehr? Oh je!“

31 Jahre hat Heidrun Buchholz als Unternehmerin in Spremberg gearbeitet. Nun geht sie in Rente. Dass sie bald ihren 70. Geburtstag feiern wird, will ihr kaum jemand glauben, wie sie amüsiert feststellt. Sie mutmaßt, das könne daran liegen, dass sie viel Sport treibt. Radfahren, Schwimmen, Gymnastik.

In der DDR arbeitete Heidrun Buchholz als Verkaufsstellenleiterin der Handelsorganisation, kurz: HO. Dann übernahm sie die Gaststätte im Spremberger Stadtpark, die es inzwischen nicht mehr gibt. Nach dem Ende der DDR, „das uns alle mehr oder weniger überrascht hat“, wie sie sagt, stieg sie als Chefin in ihr erstes Modegeschäft in der Langen Straße ein. Ein kleiner Laden war das damals, gemischtes Angebot, für Damen, Herren, Kinder.

Fast 30 Jahre lang erlebte Heidrun Buchholz also, wie die Modetrends kamen, wie sie gingen, wie sie wiederkehrten. Früher stammte eher alles aus einer Linie, erinnert sie. Heute stellen sich die Damen viele Teile selbst zusammen, bunt und individuell.

Und Glitzer. Darauf weist Verkäuferin Carmen Müller hin, die gmit ihrer Chefin die Kundinnen berät. „Den tragen die Frauen jetzt auch im Alltag“, sagt sie. „Lange Zeit war das was für festliche Anlässe.“ Ebenso funktioniert neuerdings Eleganz kombiniert mit sportlichem Chic.

Auch die Herrenmode kennt solche Trends. Manchmal bleiben sie sogar für eine gefühlte Ewigkeit, und manchmal stammen sie aus Fernsehserien. „Miami Vice“ zum Beispiel, die Krimireihe mit Don Johnson, die in den 80ern im ZDF lief. Die Ermittler trugen Jeans zum Sakko. Bis dahin war das einfach unerhört, heute nicht mehr wegzudenken, wie Heidrun Buchholz und Carmen Müller feststellen.

Nicht immer zeigen sich die zwei Fachfrauen aus dem Modegeschäft einer Meinung. Carmen Müller lässt sich gern mal von Heidi Klum inspirieren, während Heidrun Buchholz schon abwinkt, sobald sie den Namen des Supermodels hört: „Die scheucht mir die Mädchen immer zu sehr herum.“

Die Inhaberin des Geschäfts an der Langen Straße organisierte in den Jahren 1996 bis 2000 selbst Modebälle. Sie spricht von ihrer „ganz großen Zeit“. Doch dann suchten viele Models im Westen Deutschlands ihr Glück, woraufhin Heidrun Buchholz das Projekt schweren Herzens aufgab.

Niederlagen und Tragödien hat sie erlebt. Der Versuch, einen Laden im Spremberger City-Center zu etablieren, scheiterte. Zwei geliebte Männer verlor sie an den Krebs. Es waren Nachbarn, die ihr danach mit einer kleinen Geste halfen, mit einer Karte, die sie in ihrem Briefkasten fand: „Verlieren Sie nicht Ihren Lebensmut.“

An dieser Botschaft, sagt sie, habe sie sich festgehalten. Also rappelte sie sich wieder auf. Inzwischen gibt es einen neuen Mann in ihrem Leben. Zu ihm wird sie ziehen, in die Nähe von Hannover. Alte Möbel aus Holz will sie aufarbeiten, einen Garten pflegen, „ein bisschen mehr in Urlaub fahren“.

Eine Nachfolgerin für ihr Geschäft hat sie bereits gefunden, anders als viele andere Unternehmer in Spremberg, mit deren Schritt in den Ruhestand auch das Ende ihrer Firma einherging. Melanie Wippich wird das Geschäft übernehmen, die 14 Jahre lang als Verkäuferin bei ihr arbeitete.

Auch wenn sich Heidrun Buchholz auf die Rente freut, blickt sie auf ein erfülltes Berufsleben zurück. Gerade den Kontakt mit den Menschen habe sie geliebt, erklärt sie, die Tatsache, dass sie von vielen Kunden etwas lernen konnte.

Darin dürfte einer der Gründe dafür liegen, dass die Damen beim Verlassen des Geschäfts bestürzt „Oh je“ rufen, sobald sie erfahren, dass sich die Chefin von ihnen verabschiedet. Für immer diesmal. Am 31. August um 18 Uhr wird sie den Ladenschlüssel an Melanie Wippich übergeben.