| 02:44 Uhr

Jeder dritte Euro verlässt Spremberg

Der Einwohnerschwund in Spremberg beeinflusst langfristig auch die Kaufkraft – und somit den Umsatz der Händler.
Der Einwohnerschwund in Spremberg beeinflusst langfristig auch die Kaufkraft – und somit den Umsatz der Händler. FOTO: René Wappler
Spremberg. Bis in feine Details beleuchtet das fertiggestellte Einzelhandelskonzept für Spremberg, wo und wie die Einwohner der Stadt ihr Geld ausgeben. Demnach gibt es noch Potenzial, Kaufkraft in der Stadt zu behalten. René Wappler

Wenn sich die Spremberger auf eine Einkaufstour begeben, bleibt fast jeder dritte Euro aus ihren Brieftaschen in den Geschäften anderer Städte. 35 Prozent der Kaufkraft fließen nach Hoyerswerda, Cottbus, Berlin, Weißwasser und Dresden. Für den Einkauf von Lebensmitteln gilt das allerdings nicht: In dieser Branche setzen die Einwohner auf einheimische Anbieter, was sich auch in der Popularität des Wochenmarktes in der Innenstadt niederschlägt.

Nun arbeiten der City Werbering und die Spremberger Land GmbH gemeinsam daran, dass sich die Idee eines Einkaufsgutscheines zum Erfolg entwickelt. Ab dem 15. November können Besucher der Touristinformation am Markt diese Gutscheine erwerben und mit ihnen bei teilnehmenden Händlern in Spremberg und Umgebung bezahlen. Die Geschäftsführerin der Spremberger Land GmbH, Karin Hesse, erläutert: "Ziel ist es, dass Geld in Spremberg ausgegeben wird und unseren Firmen vor Ort zugutekommt." Bisher sprach sie nach eigenen Worten mit 30 Unternehmern über das Projekt, und sie hofft, dass das Interesse noch wächst - zumal jetzt das Weihnachtsgeschäft beginnt. "Viele Leute haben darauf gedrängt, dass wir den Gutschein endlich einführen", sagt Karin Hesse. "Dafür erscheint mir die Resonanz der Händler bislang allerdings ein wenig zögerlich."

Gerade Anbieter im mittleren Preissegment geraten zunehmend unter Druck, wie aus dem Einzelhandelskonzept hervorgeht. Denn die Verbraucher wollen in erster Linie preiswert einkaufen, wodurch bundesweit das Qualitätsniveau sinkt. Ein Grund dafür könnte im wachsenden Anteil älterer Menschen und der Zunahme kleinerer Haushalte liegen. Weitere Probleme tun sich auf: Die Konzentration im Einzelhandel führt zu einem uniformierten Warenangebot. Der hohe Anteil des Onlinehandels macht Händlern in deutschen Innenstädten zu schaffen - was sich unter anderem auf dem Markt für Bücher und Schuhe zeigt. Ausgerechnet der Mittelstand, in der DDR politisch kaum erwünscht und deshalb bis heute in den neuen Bundesländern schwächer vertreten als im Westen, verzeichnet zudem einen sinkenden Marktanteil. Im "Handbuch zur Geschichte der Kulturgeschichte der Niederlausitz und südlichen Lubuskie" schreibt der Autor Professor Günter Bayerl über den Mittelstand: "Mit dessen nahezu vollständiger Vernichtung durch die sozialistische Wirtschaftspolitik wurde der Neustart nach der Wiedervereinigung erheblich erschwert." Nach seinen Worten kämpfen diese Betriebe "als Rückgrat der regionalen Wirtschaft" bis heute allzuoft mit einer dünnen Kapitaldecke.

In Spremberg sorgt überdies der stete Einwohnerschwund dafür, dass die Kaufkraft vor Ort abnimmt. Das Einzelhandelskonzept errechnet für den Einzelhandel in der Stadt einen Gesamtumsatz von 101,1 Millionen Euro, wovon 31 Millionen Euro von Kunden stammen, die in Spremberg zu Besuch sind. Ein Anteil von 70,1 Millionen Euro kommt wiederum von einheimischen Käufern.

Immerhin erwartet das Einzelhandelskonzept für Spremberg in den nächsten Jahren keine grundlegenden Veränderungen im Sparverhalten und den Ausgaben der Einwohner. Pro Kopf könnten die Ausgaben laut der Prognose des Konzepts sogar leicht ansteigen - von 5410 Euro im Jahr 2015 auf 5617 Euro im Jahr 2020.

Zum Thema:
Das Einzelhandelskonzept für Spremberg stammt von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung. In die Analyse gingen Daten des statistischen Bundesamtes, des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg sowie der Stadt Spremberg ein. Mit ungefähr 440 Milliarden Euro Jahresumsatz bildet der Handel laut diesem Konzept Deutschlands drittstärkste Wirtschaftsgruppe.