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| 15:59 Uhr

Irmtraud Gutschke liest in Spremberg Texte der Strittmatters
Von Liebe und von Freundschaft

 Irmtraud Gutschke (r.) am Samstag in Spremberg im Kulturschloss im Gespräch mit dem Cottbuser Schauspieler, Geschichtenschreiber und -erzähler Michael Becker (l.).
Irmtraud Gutschke (r.) am Samstag in Spremberg im Kulturschloss im Gespräch mit dem Cottbuser Schauspieler, Geschichtenschreiber und -erzähler Michael Becker (l.). FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Irmtraud Gutschke versteht die Großen. Der Erwin-Strittmatter-Verein hatte sie nach Spremberg eingeladen, damit sie liest und erzählt. Von Annett Igel-Allzeit

Die Spirale auf der ersten Ausstellungswand wirbelt Erwin Strittmatters Leben in die Höhen des großen Schriftstellers. Irmtraud Gutschke, die Autorin und Journalisten, die mit Hermann Kant und Eva Strittmatter Gesprächsbücher geschaffen hat und zu Tschingis Aitmatow reiste, schaut sich nach ihrer Lesung in Spremberg die Erwin-Strittmatter-Ausstellung des Niederlausitzer Heidemuseums an. „Ein Buch mit ihm wäre wohl nichts geworden“, sagt sie und lächelt leise. „Eva hätte mich bestimmt nicht auf dem Hof wohnen lassen, und Erwin hätte sich verstellt.“

Über 70 Zuhörer lauschen ihr im Festssaal des Kulturschlosses Spree-Neiße. Der Erwin-Strittmatter-Verein hatte sie eingeladen. Und nicht nur Vereinsmitglieder sind angereist, sondern auch Gäste aus Sachsen und Cottbus. Sie liest aus den Tagebüchern Erwin Strittmatters, aus Briefen, aus ihrem Buch nach den Gesprächen mit Hermann Kant – und sie hat viel zu erzählen.

Irmtraud Gutschke kann sich hinein fühlen in die Großen, die, ach, so ganz menschlich sind. „Was ist ein Mensch, was hält er oder sie von sich selbst, was gibt er oder sie von sich preis?“ Als ihr Eva Strrittmatter gesteht, dass sie das gemeinsame Gesprächsbuch „Leib und Leben“ zu einem Krankenhausaufenthalt mit genommen hat, ist Irmtraud Gutschke gerührt. Hermann Kant – das Gesprächsbuch „Die Sache und die Sachen“ war 2007 erschienen – hatte sie ermutigt, mit der Dichterin zu reden. „Frag sie und sie wird anfangen zu erzählen.“ So kam es, dass Irmtraud Gutschke die Liebesgeschichte zwischen der „Mädchenfrau“ und dem „großen Mann“ zumindest aus Sicht der Lyrikerin längst kannte, bevor Strittmatter-Sohn Erwin Berner und die Autorin und Lektorin Ingrid Kirschey-Feix entschieden, die Briefe aus den Jahren zwischen 1952 und 1958 unter dem Titel „Du bist mein zweites Ich“ herauszugeben.

„Das was ich eigentlich suche: Wärme, die alle Spannungen zu lösen weiß“, schreibt Eva Wernitz 21 Tage nach ihrem 22. Geburtstag aus Berlin dem 39-jährigen Erwin Strittmatter.  Er gesteht ihr aus Spremberg: „Ich möchte doch so gern wieder einmal ein ganzer Mensch sein. – Meine Umgebung verbraucht mich nur Stückweis ...“ Was Erwin Berner dazu bewegt habe, die Briefe seiner Eltern zu veröffentlichen, kann Irmtraud Gutschke in Spremberg nicht beantworten. „Eva hat mir zu Lebzeiten gesagt, dass ihre Kinder über sich selber reden sollen.“ Daran hält sich Irmtraud Gutschke. Ohnehin sei Eva Strittmatter in den Gesprächen in Schulzenhof ihr gegenüber in einem Maße offen gewesen, das sie noch immer wundere.

Und Hermann Kant? Er konnte Gedichte von Eva Strittmatter auswendig her sagen, und sie schrieb über ihn Gedichte – „Sensibilität“ zum Beispiel. Jahrelang verband die Strittmatters eine Freundschaft mit Hermann Kant. Bis zu Erwin Strittmatters „Die Lage in den Lüften. Aus Tagebüchern“. Danach gab es keinen Bruch, nein, aber eine Art Funkstille. Hermann Kant, so Irmtraud Gutschke, wollte als Schriftsteller wie als Präsident Schriftstellerverbandes, der er von 1978 bis 1990 war, etwas verändern in der Gesellschaft. Dafür handelte er auch Kompromisse aus, vermittelte. Er ging im Buch „Der Aufenthalt“ mit seiner Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg und mit der Schuld offen um. Dass aber Strittmatter nicht mal als Freund mit ihm über das Thema sprechen konnte, habe Kant leid und auch weh getan.

Da Irmtraud Gutschke ihre Gesprächspartner nie los lassen kann, darf der Erwin-Strittmatter-Verein hoffen. Renate Brucke, die Vereinsvorsitzende, lädt sie gern wieder ein. Derzeit beschäftigt die Autorin erneut der große kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow. Sie hatte 1976 zum Thema „Mensch und Natur im Schaffen Tschingis Aitmatows“ promoviert, war 1984 zu Gast bei Aitmatow und seiner Familie und bereitet nun, nachdem im Vorjahr ihr Buch „Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“ erschien, eine Reise auf Aitmatows Spuren vor. „Er hatte ein planetarisches Bewusstsein“, sagt sie, „Er konnte die Welt als Ganzes sehen. Das können nicht mehr viele.“