Von Annett Igel-Allzeit

Seit seinem Besuch mit seiner Linedance-Gruppe im Sommer in Graustein arbeitet Hans-Jürgen Schwanke daran, regelmäßig Linedance-Kurse in der Niederlausitz anzubieten. Die Bloischdorfer Museumsscheune biete sich an. Und Grit Neumann vom Vorstand des Museumsvereins tanzt auch mit. „Vor vielen Jahren hatte ich damit mal angefangen“, erzählt sie, „aber da waren wir nur zu dritt. Das reichte nicht, um richtig in Schwung zu kommen. Jetzt aber sieht das schon anders aus.“ In mehreren Dörfern waren sie im September unterwegs, um die Flyer zu verteilen, erzählt Grit Neumann.

Linedance hat durchaus Tradition in der Lausitz. Mehrere Formationen wie die„Spremberger die mit dem Wolf tanzen“ beteiligten sich an Weltrekorden. Die Mitglieder der „Lain’dancegruppe“ des Sportvereins Groß Döbbern hatten in diesem Jahr ihr erstes Linedance-Treffen organisiert. Die Line Dance Friends aus Forst gehören mit ihrem Tanzsport sogar zum Kreissportbund Spree-Neiße. Schwanke kennt den Sog dieser Tanzform. „Es ist 15 Jahre her, dass mich meine Frau für Linedance begeistern konnte. Ich bin mitgegangen, weil ich den Reiz verspürt hatte, mal wieder etwas Neues zu lernen“, erinnert sich Schwanke. Und schnell fand er zudem bestätigt, was er als Familientherapeut beobachtet hatte: „Während Frauen an einem neuen Hobby vor allem Spaß finden, wollen es viele Männer immer ganz genau wissen und richtig können.“

Kaum erklingt ein neuer Hit – egal ob in der Country-Musik, im Rock oder Pop – erscheinen Linedance-Choreografien dazu. Mit einer Palette von Grundschritten werden sie entwickelt. Sogar für eingängige Werke in der klassischen Musik, sagt Schwanke. Und so manche Schrittkombination funktioniert für mehrere Titel. Man muss sie nur probieren, wiederholen, sie sich einprägen. Die Schuhe sollten für den Anfang lediglich bequem sein. „Man muss mit ihnen nur gut ins Schwingen kommen. Und gemeinsam macht es besonders Spaߓ, weiß Schwanke, „Die Tänzerinnen und Tänzer lernen voneinander, zeigen sich gegenseitig, wie sie die Vierteldrehung und die Schrittfolgen besser hinbekommen.“

Sich gleich große Wettbewerbe als Ziel zu setzen, davon hält Schwanke nicht so viel. „Auftritte bedeuten für viele schon wieder Stress“, weiß er. Das müsse jede Gruppe für sich entscheiden. Von der Homogenität einer Gruppe hänge ganz viel ab. „So merke ich zum Beispiel sehr schnell im Kurs, wer flink ist und wer ein bisschen Zeit braucht. Im günstigsten Fall entstehen daraus zwei Gruppen“, erklärt der Therapeut.

Bis auf unbelehrbare Selbstdarsteller, die die lustige Gemeinschaft nicht brauchen, ermuntert Schwanke jeden, es mit dem Linedance zu versuchen. „Es gibt nur wenige – vielleicht fünf Prozent der Menschen – die kein Gefühl für Rhythmus haben. Und auch von ihnen bekommen es einige hin und haben ihren Spaß – wenngleich mit einer etwas anderen Taktik“, sagt Schwanke. Da zu helfen, sei sein Part als Kursleiter. Und na ja, eine gewisse Frustrationstoleranz bräuchten Linedancer zumindest am Anfang auch, gesteht er.

Dass Linedance ein sicheres Mittel gegen Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sei, haben bisher weder finnische noch amerikanische Studien beweisen können. „Demenz kann jeden von uns treffen. Aber das Risiko sinkt mit den schwungvollen Schritten. Und“, so betont Schwanke, „der Mensch ist wirklich sein Leben lang lernfähig.“

Während das neurale Netz normalerweise im Laufe des Lebens abbaue, erklärt er, förderten die rhythmischen Bewegungsabläufe die Verknüpfung der Gehirnzellen. „Anders als beim Kreuzworträtseln, wo Sie Wissen, das Sie haben, immer wieder abrufen, lernen sie im Linedance immer wieder neue Schritte, neue Kombinationen dazu“, erklärt Schwanke. Und die Bildung von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin werde beim Tanzen angekurbelt – wichtige Botenstoffe unter anderem im Zentralnervensystem und Glückshormone.

Noch im Alter zwischen 65 und 70 Jahren lohne es sich, mit Linedance anzufangen, sagt Schwanke. Er selbst ist inzwischen 69 Jahre alt. Klar, auch Kinder kommen in die Gruppe. „So war ein Mädchen mal mit seiner Mutter bei uns gestartet. Nach einer Weile hörten die beiden auf. Die Mutter blieb weg, aber das Mädchen kam im Alter von14 Jahren wieder. Einfach, weil sie sich bei uns wohlfühlt, es ihr Spaß macht“, erzählt Schwanke. Aber auch Grit Neumanns traurige Stimme auf dem Anrufbeantworter spricht für  Linedance. Wenn sie nach ein paar Minuten zurückruft, klingt das viel glück­licher. „Diesen Freitag treffen wir uns schon wieder, um zu üben, was wir in der vergangenen Woche gelernt haben.“