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| 02:53 Uhr

Initiative misstraut Schweinezüchter

Demonstranten des Aktionsbündnisses gegen Massentierhaltung demonstrierten am 27. Juni in Potsdam.
Demonstranten des Aktionsbündnisses gegen Massentierhaltung demonstrierten am 27. Juni in Potsdam. FOTO: dpa
Hornow-Wadelsdorf/Potsdam. Im Streit um die Ferkelzuchtanlage in Wadelsdorf reagiert die Bürgerinitiative mit einem offenen Brief an das Unternehmen: Sie wirft Adrianus Straathof vor, sein vermeintlicher Rückzug erfülle nur eine Alibifunktion. René Wappler

Die Mitglieder der Bürgerinitiative haben schon früher die direkte Konfrontation mit dem Schweinezucht-Unternehmen gesucht, das eine Anlage in Wadelsdorf betreibt. Doch in ihrem neuen offenen Brief verschärfen sie den Ton noch. So zieht sich diese eine Frage, eingangs formuliert, mehr oder weniger indirekt durch das gesamte Schreiben: "Für wie blöd halten Sie uns?"

Die Initiative traut dem Unternehmen nicht. "Wie ein Hohn" erscheint es ihr, dass sich Adrianus Straathof komplett aus der Geschäftsführung und als Gesellschafter der Holding zurückgezogen haben und zugleich als Mitglied eines "Tierwohlbeirats" fungieren will. Dazu heißt es im offenen Brief: "Durch Abgabe der Geschäftsführung in allen Anlagen soll suggeriert werden, dass Sie keinerlei Einfluss mehr auf die Tierhaltung in Ihren Ställen haben." Öffentlich werde ein Anflug von Reue gezeigt - doch in Wahrheit schaffe die Firma "weiterhin grausame Haltungsbedingungen". Der umstrittene Schweinezüchter Adrianus Straathof reagierte mit dem Rückzug auf Vorwürfe der Tierquälerei, die Tierschützer und Behörden vor allem gegen seine Anlagen in Sachsen-Anhalt erhoben hatten: Das Unternehmen wolle sich nun neu ausrichten und für bessere Bedingungen in den Betrieben sorgen. Unterdessen kündigt die Bürgerinitiative an, dass sie sich am Volksbegehren gegen Massentierhaltung beteiligt, dessen Start für den 15. Juli vorgesehen ist.

Das Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg hat nach eigenen Angaben sechs Monate Zeit, um 80 000 Unterschriften zu sammeln. Falls ihm dies gelingt, muss sich der Potsdamer Landtag den Forderungen der Tierschützer stellen. Diese wünschen sich, dass künftig nur noch artgerechte Haltung finanziell gefördert wird. Zudem setzen sie auf ein Klagerecht für Tierschutzverbände.

Vor zwei Wochen antwortete die Landesregierung bereits dem Abgeordneten Benjamin Raschke von den Bündnisgrünen auf seinen Fragekatalog zur Ferkelzuchtanlage in Wadelsdorf. Demnach erfolgte die letzte Kontrolle im Betrieb am 22. Mai 2015 - mit dem Ergebnis, dass er der Verordnung zum Tierschutz und der Nutztierhaltung gerecht werde. Derzeit beherberge die Anlage nahezu 1100 Tiere. Benjamin Raschke sagt dazu: "Wir werden auch in Zukunft nachhaken, da es sich ja bei der Antwort der Landesregierung um eine Momentaufnahme handelt." Grundsätzlich nimmt er einen bedenklichen Trend wahr: Fleisch werde oft zu Billigpreisen bei einer geringen Zahl von Mitarbeitern der Betriebe auf dem Land produziert und regelrecht auf den Markt geworfen. "Davon hat der ländliche Raum aber nichts", stellt Benjamin Raschke fest. Zugleich warnt er davor, alle Unternehmen der Branche zu verurteilen: So habe er durchaus Anlagen kennengelernt, deren Mitarbeiter sich einer artgerechte Haltung von Tieren verschreiben.

In die Diskussion um die Massentierhaltung hatte sich zu Jahresbeginn auch der Landesbauernverband eingeschaltet. Dessen Pressesprecher Holger Brantsch beklagte eine "meist unsachlich geführte Debatte zur modernen Landwirtschaft". Nach seinen Worten hängt das Wohlergehen der Tiere nicht von der Stallgröße ab, sondern vom Platzangebot, dem Licht, dem Klima und dem Futter. Bisher hätten die Züchter die "anspruchsvollen Standards mit hohem finanziellen Aufwand und Risiko" in die Tat umgesetzt. "Bei weiteren Auflagen müssen die Verbraucher jedoch mit steigenden Lebensmittelpreisen rechnen", gab Holger Brantsch zu bedenken.

Die Bürgerinitative "Saustall Wadelsdorf und Umgebung" erinnert unterdessen daran, dass Jahr für Jahr in Deutschland 346 Millionen Kilogramm Fleisch im Abfall landen. In ihrem offenen Brief fragt sie: "Wofür wird noch mehr Fleisch benötigt? Für den Müll?" So betrachten die Mitglieder ihr Schreiben auch als Protest gegen diese "Überproduktion".