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In der Ruhe liegt die Kraft

Jürgen Dziergwa trainiert mehrmals in der Woche: "Ich sage immer, den Muskel musst du zwingen. Alles eine Frage der richtigen Technik."
Jürgen Dziergwa trainiert mehrmals in der Woche: "Ich sage immer, den Muskel musst du zwingen. Alles eine Frage der richtigen Technik." FOTO: wr
Spremberg. Ein 56-jähriger Mann aus Spremberg hat den Titel des Deutschen Meisters im Bankdrücken errungen. Dabei treibt er Kraftsport nur in seiner Freizeit: Jürgen Dziergwa arbeitet als Maschinist auf der Förderbrücke F 60. René Wappler

Nicht, dass er jemals in die Verlegenheit gekommen wäre. Aber wenn Jürgen Dziergwa seine Kraft ohne Hanteln demonstrieren müsste, könnte er einen ausgewachsenen Mann locker in die Luft stemmen und da oben zappeln lassen. Seit 37 Jahren trainiert er drei Mal in der Woche, hinzu kommt ein Ausdauerlauf, immer sonntags, über eine Strecke von zwölf Kilometern.

Von seiner Disziplin zeugen Dutzende Pokale, die er zu Hause in einer Vitrine aufbewahrt. Sie alle glänzen, als hätte er sie eben erst erhalten. Nun kommt ein neuer Erfolg hinzu: In Herzberg holte er sich den Titel des Deutschen Meisters im Bankdrücken. Zugleich stellte er in seiner Altersklasse und Gewichtsklasse einen neuen deutschen Rekord auf: mit einer Last von 115 Kilogramm.

Wo anderen Menschen die Muskeln versagen würden, da fängt für ihn der Spaß erst an. "Eine höhere Belastung beginnt bei mir ungefähr bei 105 bis 110 Kilo", erzählt Jürgen Dziergwa. "Allerdings besteht die Herausforderung für mich inzwischen darin, meine Muskelkraft zu halten, nicht mehr, sie weiter auszubauen - was auch am Alter liegt."

Sportwissenschaftler gehen davon aus, dass die Muskelmasse des Menschen ab 45 Jahren stetig abnimmt. Dieser Prozess lässt sich mithilfe von Sport jedoch verzögern. So hat die Unfallbehandlungsstelle Berlin wichtige Faktoren zusammengetragen, die für Sport sprechen - gerade ab der Lebensmitte: Er erhält demnach nicht nur die Muskelkraft, sondern beeinflusst auch die Psyche und das Befinden positiv, da höhere Testosteronspiegel stimmungsaufhellend und allgemein vitalisierend wirken.

Insofern macht Jürgen Dziergwa instinktiv alles richtig. Sein Körperfettanteil liegt bei 19 Prozent. Ein Wert, den Sportmediziner für ideal halten. Dabei achtet der Kraftsportler aus Spremberg auch auf seine Ernährung - vor allem, wenn Wettkämpfe im Terminplan stehen. Die Regel lautet: In den ersten drei Wochen gibt es Mahlzeiten, die für den nötigen Schub an Kohlenhydraten sorgen. Denn sie helfen dem Sportler, seine Kraft aufzubauen. Dazu zählen Gerichte mit Nudeln, Kartoffeln, Reis - und Brot. Danach folgen drei Wochen, in denen Eiweiß die Hauptrolle spielt, enthalten in Fisch, Käse, Schinken. In dieser Phase verzichtet Jürgen Dziergwa völlig auf Brot. "Hungern darf man aber nicht", sagt er. "Das wäre nämlich kontraproduktiv." Für die Wettkämpfe nimmt er Urlaub, wenn sie nicht an einem Wochenende liegen. Auch da muss er gewissenhaft übers Jahr vorplanen. Denn seinen Job als Maschinist im Tagebau würde er für das Training und die Wettkämpfe nicht vernachlässigen.

Aus dem Sport zieht Jürgen Dziergwa "Freude, Kraft und Ausdauer". Zum Glück, sagt er, unterstütze ihn seine Familie. Die Gattin fiebert bei den Wettkämpfen mit, die beiden Söhne ebenso. "Ich halte es ja nicht mal eine Woche ohne Sport aus", sagt er. "Dann werde ich hibbelig."

Allerdings folgt er beim Training eher dem Leitspruch "In der Ruhe liegt die Kraft". "Schnell Gewichte zu pumpen, das bringt nicht viel, und es ist vor allem uneffektiv." Viel wichtiger sei es, langsame, regelmäßige und saubere Bewegungen auszuführen. "Wer das nicht befolgt, der kann gleich in den Wald gehen und Holz sammeln", erklärt er. "Da ist man wenigstens draußen in der Natur unterwegs."

Zum Thema:
Gezielte Übungen an bestimmten Problemzonen des Körpers - wie zum Beispiel Bierbäuchen - helfen entgegen der landläufigen Meinung nicht dabei, sie wegzutrainieren: Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention hin. Zwar wurde demnach in aktiven Muskeln eine erhöhte Fettabbaurate nachgewiesen. Doch alles deute darauf hin, dass die Fettdepots wieder aufgefüllt werden. Für eine erhebliche und auch sichtbare Fettreduktion sei vielmehr die relativ lang anhaltende Arbeit von möglichst vielen, großen Muskelgruppen nötig. Diesen Effekt erzielen nach Angaben der Forscher auch Sportarten wie Joggen, Walken oder Radfahren.