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| 17:31 Uhr

Hohe Dunkelziffer im Spree-Neiße-Kreis
Illegaler Tierhandel blüht

Aus illegalem Handel stammen die Hunde Benito und Snits, um die sich nun die Mitarbeiter des Tierheims am Schäferberg kümmern.
Aus illegalem Handel stammen die Hunde Benito und Snits, um die sich nun die Mitarbeiter des Tierheims am Schäferberg kümmern. FOTO: LR / René Wappler
Spremberg. Fragwürdiges Geschäft mit Hundewelpen trifft auf gutgläubige Käufer. Von René Wappler

Ein toter Hund weckte ihren Verdacht. Der Welpe lag auf einem Feld nahe der Bundesstraße 97 bei Spremberg, und der Chefin des Tierheims am Schäferberg fiel auf, dass sie einen solchen schwarzen Labradormischling schon einmal gesehen hatte. „In einer Anzeige auf Ebay“, erinnert sich Dr. Annett Stange. „Also nahm ich anonym Kontakt zu dem Menschen aus Spremberg auf, von dem die Annonce stammte.“ Daraufhin habe sie erfahren, dass er acht Welpen ohne Muttertier anbietet, was ins Muster des illegalen Handels passt. Gemeinsam mit Fachleuten vom Veterinäramt besuchte Annett Stange den Verkäufer. „Er stritt jedoch jeden Vorwurf ab“, sagt sie. „Meinen Verdacht konnte das nicht zerstreuen.“

Der illegale Handel mit Tieren floriert im Spree-Neiße-Kreis. Das berichtet Tierärztin Kristin Medwesch, die beim Veterinäramt arbeitet. „Mit Unwissenheit und Mitleid der Menschen lässt sich leider viel Geld machen“, erläutert sie. „Denn die Gewinnmarge ist beträchtlich.“ Der Kurs für einen Hundewelpen liege momentan bei durchschnittlich 500 Euro. Doch viele der Tiere, die in Deutschland auf den Markt kommen, wuchsen nach den Worten der Tierärztin auf ausländischen Hinterhöfen auf, ohne ausgewogenes Futter, ohne artgerechte Pflege.

Erst im Juni meldeten sich wieder Mitarbeiter vom Zoll beim Veterinäramt. Fünf französische Bulldoggenwelpen hatten sie in einem Transporter bei Forst entdeckt. Nicht nur Hunde kommen auf diesem Weg in den Spree-Neiße-Kreis, auch junge Kartäuserkatzen – und Vogelspinnen. Zollbeamte fanden im Januar 107 Exemplare, verpackt in kleinen Frischhaltedosen, ebenfalls nahe der polnischen Grenze. Die Autobahn gilt als Schwerpunkt des illegalen Tierhandels, wie Tierärztin Kristin Medwesch feststellt.

Dabei fehlen zuverlässige Daten zu diesem Problem. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist die Dunkelziffer beim illegalen Welpenhandel hoch. Behörden erfahren demnach meistens erst durch Verkehrskontrollen der Polizei oder durch Hinweise von Einwohnern von solchen Verstößen gegen den Tierschutz. So sagt Torsten Wendt von der Pressestelle der Polizei in Cottbus: „Uns liegen keine Fälle von illegalem Welpenhandel in unserer Region vor.“ Auch das Hauptzollamt in Frankfurt (Oder) besitzt keine Statistik dazu, wie die Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit mitteilt.

Tierärztin Kristin Medwesch wundert das nicht. „In der Regel handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit, und die entdeckten Fälle bilden nur die Spitze des Eisbergs“, sagt sie. „Eine Straftat lässt sich oft nur schwer nachweisen.“

Zu den Kunden der illegalen Händler zählen vor allem gutgläubige und unwissende Menschen, wie Annett Stange vom Tierheim am Schäferberg berichtet. Viele entdeckte Welpen kommen auf die Quarantänestation der Anlage bei Groß Döbbern, für deren Ausbau die Tierschutzliga 65 000 Euro Fördergeld vom Land Brandenburg erhalten hat. Dort bleiben die Tiere, bis der Tollwutschutz wirkt. Erst danach dürfen sie vermittelt werden.

Derzeit versuchen die Mitarbeiter der Tierschutzliga, Kontakt zu Käufern aufzunehmen, die bei einer Frau aus Spremberg Hundewelpen verschiedener Rassen erworben haben. Auch in diesen Fällen bestehe der Verdacht des illegalen Handels, sagt Annett Stange vom Tierheim am Schäferberg. „Die Leute sollten beim Hundekauf vorsichtiger sein“, sagt sie. „So lange mir der Züchter nicht das Muttertier samt ausgeprägtem Gesäuge zeigen kann, besteht Grund zum Misstrauen.“ So warnt Annett Stange vor rührseligen Geschichten, die Händler den potenziellen Käufern auftischen. Der Klassiker: Das Muttertier sei leider gestorben, und die Welpen bräuchten dringend ein neues Zuhause.

Nach Angaben des Tierschutzbundes werden die Muttertiere beim illegalen Welpenhandel in Wahrheit als Gebärmaschinen missbraucht. Demnach vegetieren sie häufig in Osteuropa „unter schlimmsten Umständen in notdürftigen Verschlägen“, ohne Versorgung, ohne Zuwendung. Sobald sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen, werden sie getötet, wie der Tierschutzbund berichtet.