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Handwerker suchen Nachwuchs

Frank-Michael Jäger berät Timm auf dessen Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Mutter begleitet den Jugendlichen.
Frank-Michael Jäger berät Timm auf dessen Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Mutter begleitet den Jugendlichen. FOTO: René Wappler
Spremberg. Auf eine regelrechte Werbetour für offene Ausbildungsplätze begeben sich die Berater der Cottbuser Handwerkskammer. Ihr erste Station im Spree-Neiße-Kreis legten sie am Montag in Spremberg ein: Mit dem Handwerkermobil parkten sie in der Langen Straße. René Wappler

Montag, 14.10 Uhr. Der 16-jährige Timm aus Hornow setzt sich in das blaue Mobil, wo Berater Frank-Holger Jäger einen mobilen Rechner aufgeklappt hat.

"500 freie Lehrstellen haben wir hier", sagt Frank-Holger Jäger. "Wenn das überhaupt reicht."

Timm könnte eine Ausbildung in der Baubranche beginnen, stellt sich die Arbeit jedoch "recht eintönig" vor.

Frank-Holger Jäger erklärt: "Ich kenne einen Unternehmer in Groß Luja, der einen Zweiradmechatroniker sucht."

Da zeigt der Schüler Interesse. Der Ausbildungsberater notiert sich seine Anschrift. Vielleicht, sagt er, wird ja was draus.

Nicht nur auf dem Ausbildungsmarkt hat das Werben von Firmenchefs um Nachwuchs eingesetzt. 43 Prozent der mittelständischen Unternehmen im Land Brandenburg fällt es sehr schwer, geeignete Fachkräfte zu finden, wie das brandenburgische Sozialministerium auf Anfrage des CDU-Abgeordneten Frank Bommert mitteilt. Jeder vierte Mittelständler beklagt demnach "erhebliche Umsatzeinbußen", weil er aufgrund des fehlenden Fachpersonals Aufträge nicht annehmen kann.

Die Wende auf dem Arbeitsmarkt trat vor ungefähr zehn Jahren ein, als der Anteil der Erwerbslosen im Osten Deutschlands langsam zu sinken begann. Dabei hatte zuvor die Wegzugsprämie noch das Auswandern junger Leute aus der Lausitz befeuert. Über diese Prämie urteilt Frank-Michael Jäger von der Handwerkskammer heute: "Sie hat uns fast den Kopf gekostet."

Denn die nahezu verzweifelte Suche nach Auszubildenden resultiert nach Ansicht von Fachleuten zu einem starken Anteil aus diesem Instrument. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche die Suche nach einer Lehrstelle so weit wie möglich hinauszögern: So beobachtet es René Grund, der wie sein Kollege die Besucher des Handwerkermobils in Spremberg berät.

Viele alteingesessene Unternehmer wundern sich über diese rasante Trendwende. Peter Petrick führte einen Elektro-Fachbetrieb in Neupetershain. Neugierig gesellt er sich am Montag an den Tisch mit den Prospekten in der Langen Straße, und sofort verwickelt er die beiden Berater in ein Gespräch.

"Schlimm, dass man den Lehrlingen hinterher rennen muss", sagt Peter Petrick. "Wir brauchen doch überall Leute im Handwerk."

Ausbildungsberater Frank-Holger Jäger nickt. "Allen Schülern wird suggeriert, sie müssten ein Studium beginnen", erwidert er.

Doch manche Schüler hinterfragen diesen Rat. Der 18-jährige Moritz aus Neuhausen hat eben sein Abitur bestanden. Er nimmt neben Frank-Holger Jäger im Handwer-kermobil Platz: "Ich dachte mir, eine betriebliche Ausbildung wäre gut", sagt der junge Mann. "Da bin ich für alles offen."

Der Ausbildungsberater antwortet: "Das ist gut, denn die Betriebe haben Nachholbedarf ohne Ende, die brauchen fähige Leute." So scheint der Abiturient aus Neuhausen die richtige Strategie zu verfolgen, indem er vor einem möglichen Studium eine Ausbildung in Betracht zieht. Bis zum Jahr 2020 werden im Land Brandenburg ungefähr 95 000 zusätzliche Fachkräfte benötigt, wie das Potsdamer Sozialministerium mitteilt - unter anderem "durch altersbedingte Renteneintritte".

Für den Ministerpräsidenten gilt Brandenburg bereits als ein Wirtschaftswunderland. Junge Leute müssten sich bei der Ausbildung "nur ein bisschen Mühe geben", erklärte Dietmar Woidke bei einem Besuch in Spremberg, schon bekämen sie einen Job ihrer Wahl.

Diesen Befund äußerte der SPD-Politiker bei einem Bürgergespräch im Hotel Georgenberg, zu dem auch Unternehmer aus dem Spree-Neiße-Kreis eingeladen waren. Keiner von ihnen widersprach ihm.

Wie der 18-jährige Moritz aus Neuhausen werden auch andere Schüler in naher Zukunft feststellen, ob Dietmar Woidke mit seinen Worten richtig lag - sobald sie eine feste, gut bezahlte Stelle suchen.