Von Annett Igel-Allzeit

Kerzengerade sitzen sie auf den Stuhlkanten. Musikbegeisterte aus Spremberg, Cottbus, Lauchhammer, Erkner, aus Hoyerswerda, aus Jena in Thüringen, aus Burg Stargard in Mecklenburg-Vorpommern. In der einen Hand halten sie die Songs, in der anderen Hand den Bleistift. Flink werden zwischen Textzeilen und den Noten Pausenzeichen eingekringelt, Bögen gezogen, Wiederholungen gezählt. Eine junge Australierin übersetzt einer Altenpflegerin aus Hoyerswerda flüsternd englische Songzeilen. Miriam Schäfer geht am Piano alle Einsätze durch. Sopran, Alt, die Tenöre, der Bass „Und eins, zwei, drei“.

Sie hat das, was man im Gesang eine Röhre nennen darf. Sie singt, sie dirigiert, sie komponiert  und fährt als Gospel-Coach durch die Bundesrepublik und ins Ausland. Zum vierten Mal gelang es der Landeskirchlichen Gemeinschaft, sie für den Spremberger Workshop zu gewinnen. Allerdings muss sie diesmal lachen, wenn sie die Bauchatmung zeigt: Die 33-Jährige trägt ihr zweites Kind unterm Herzen – da ist kaum noch Platz für Luft. Ihre Dehnungsübungen lockern die Schultern, den Unterkiefer. Die Tonleiter auf „Na“,  „Mum“ und rollendem R und das Vibririeren der Lippen und Bauchmuskeln wecken den Körper nach dem gemeinsamen Frühstück. Gegähnt, geseufzt und gestöhnt werden darf in Sängerkreisen den ganzen Tag ausgiebig. Sobald der erste Kehrvers sitzt, erinnert sie ans Lächeln, das auch die Töne schöner färbt. Sie erzählt Geschichten zu den Songs – wie ihr Sohn zum ersten Mal den Frühling mit einem „Wow“ entdeckte. Oder wie sie vor zehn Jahren in einem Studio Werbung für Fleisch einsingen musste: „Komm und schmeck mich!“

An der Fachhochschule Artez im niederländischen Eschede hat Miriam Schäfer Popular-Musik studiert und darf sich Singer-Songwriterin nennen. Drei der sieben Songs, die sie für Spremberg ausgesucht hat, stammen aus ihrer Feder. „Die Spremberger können richtig gut singen und lernen schnell. Mit ihnen kann ich ganz neue Sachen gut ausprobieren“, sagt Miriam Schäfer. Besonders hart arbeitet sie mit ihnen am „Adoration Medley“. Das ist ein Anbetungs-Medley von Kirk Dearman und David Huff, in dem mehrere  berühmte Gospels anklingen. Bis es mitreißt. „Genau das richtige Medley für ein Jubiläum“, stachelt Miriam Schäfer den Chor an.

Weil der Workshop mit dem 15. Mal ein kleines Jubiläum feiert, organisierte Denise Kantor ein paar Extras. Für ein entspanntes Abendsingen in der schönen Akustik der Kreuzkirche hat sie sich den großen Schlüssel besorgt. Veronika Dubau schlüpft ins Gewand der Jutta von Kittlitz, um auswärtigen Sängern das abendliche Spremberg zu zeigen. Zudem werden Fotos aus den Vorjahren gezeigt. Mehr als 320 Musikbegeisterte haben das Spremberger Gospeln bereits miterlebt. Jedes Jahr kommen neue. Aber es gibt Fans, schon lange dabei sind. Denise Kantor ist zum 15. Mal dabei. So kletterte die Teilnehmerzahl von 13 im ersten Jahr bald auf 60. Bei 70 Teilnehmern muss Denise Kantor einen Strich ziehen. So viele Menschen passen auf die Bühne und können sich trotzdem noch bewegen, was beim Gospel wichtig ist. „Den Platz hatten wir mal ausgemessen, als es drohte, eng zu werden“, so Denise Kantor, „in diesem Jahr sind wir knapp 60 und zwischen sieben und 70 Jahren alt.“

Nicht nur für die Techniker und für die Bühnenbauer ist die Teilnehmerzahl eine Herausforderung. Auch das Küchenteam beweist ein Händchen dafür, verschiedene Geschmäcker zufrieden zu stellen. Sänger und Gemeindemitglieder hatten Kuchen gebacken. Das gemeinsame Essen bietet Zeit, ins Gespräch zu kommen.

Sein Finale erlebt der Wochenend-Chor in einem Gospel-Gottesdienst. Sehr gut besucht wie an christlichen Feiertagen und mit Prediger Andreas Heydrich, der übrigens auch das gesamte Wochenende gospelnd Energie getankt hat.