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| 19:20 Uhr

Glas für Strom und Paprika

Die 216 Rollen des Kühlofens haben alle ihren eigenen Antrieb, damit das Glas in der richtigen Geschwindigkeit bewegt werden kann.
Die 216 Rollen des Kühlofens haben alle ihren eigenen Antrieb, damit das Glas in der richtigen Geschwindigkeit bewegt werden kann. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Tschernitz. Es gibt Auberginen- und Paprika-Züchter, die auf Gewächshausglas aus Tschernitz schwören. Orchideen sollen unter Glas aus Lausitzer Sand und mit besonderen Lichtstreuwerten prächtigere Farben entwickeln. Annett Igel-Allzeit

Torsten Schroeter, Technischer Leiter der Glasmanufaktur Brandenburg (GMB) GmbH, überraschen solche Rückmeldungen von Gärtnern noch immer ein wenig. Seit zwei Jahren erst produziert der Solarglashersteller der Liechtensteiner Interfloat Corporation auch Glas für riesige Gewächshäuser in Europa. Haupteinnahmequelle aber ist seit 2007 das Solarglas. "Zehn Millionen Quadratmeter Solarglas rollen jedes Jahr vom Band", sagt Torsten Schröter. "Das sind 300 Tonnen pro Tag." Deshalb wird die Wanne auch nie abgeschaltet. Sie läuft 24 Stunden an allen sieben Tagen in der Woche.

Der Reigen der RUNDSCHAU-Sommertouren 2017 ist Donnerstag in der Glasmanufaktur Brandenburg eröffnet worden. Die knapp 40 Neugierigen riechen erst einmal frische Farben. Denn in der Manufaktur werden gerade die Büros und der Empfangsbereich saniert. Im Konferenzraum hängt ein großes Bild vom Glasmacherort Friedrichshain mit seinem großen Hüttenkomplex. Klar, mit Weißwasser, Döbern, Friedrichshain bildete Tschernitz eine traditionsreiche Glasmacherregion. Das ist dem Sand und der Energie hier zu verdanken. Seit 1982 wurde Fernsehglas in Tschernitz produziert. 1994 übernahm Samsung Corning das Werk. Doch mit dem Aus der Braunschen Röhre und dem Siegeszug der Flachbildschirme gaben die Koreaner den Standort auf.

Weil Interfloat, so Torsten Schroeter, damals gerade zufällig einen Ort für eine eigene Solarglasproduktion in Europa suchte, ging es in Tschernitz weiter mit Glas. "4000 Tonnen Schrott haben wir zuerst aus den Hallen geräumt, und für Schrott bekam man da noch richtig Geld", sagt der Technische Leiter. Nach dem Start mit 38 Mitarbeitern wuchs die Zahl in den nunmehr zehn Jahren auf 285. Je nach Auftragslage helfen bis zu 80 Leiharbeiter. Aus dem Gemengehaus wird das Gemenge über eine Bandbrücke zur Wanne gebracht, 20 Prozent eigene Glassplitter seien immer dabei. Eine graue Masse, die an die Schwalbennester an der Brückenunterseite erinnern. Schwalben sind Glücksbringer. Flink winken Schroeter und Konstrukteur Ralf Vietzke die Tourteilnehmer unter den Nestern hindurch in den ersten Glasproduktionsabschnitt. Heiß ist es nicht nur an der Schmelzwanne. Auch am Band gibt es hitzige und kühle Abschnitte. Glas wird geschnitten, auf winzige Blasen und Steinchen geprüft, geschliffen, beschichtet, gepudert. Es knackt wie kalte Schokolade, wenn die Ränder nach Kundenwunsch abgebrochen werden. Barbara Jahrmarkt aus Gallinchen staunt: "Das ist eine tolle Technik." Zwölf Roboter heben die Glasplatten um, ziehen Ausschuss heraus, verpacken Qualität. Brigitte Müller aus Cottbus: "Das müssen sich vor allem Schüler anschauen - diese ganze Automatisierung. Hier begreifen sie, wofür sie in der Schule lernen." Sven Rakel aus Klein Kölzig kennt die GMB seit 2010 als Leiharbeiter. Er hat seine Eltern Bernd und Rita Rakel mitgebracht, damit sie mal einen Eindruck bekommen: "Außerdem stammt Vater aus einer Glasmacherfamilie", erzählt er.

Am 20. August werden Interfloat und die GMB feiern, dass sie zehn Jahre am Standort Tschernitz Solarglas produzieren.