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| 20:52 Uhr

Wie geht es weiter?
Geteilte Meinung zur Ansiedlung von Militär

 Der Turm samt Uhr war prägend für den ehemaligen Kasernenkomplex an der Forster Landstraße.
Der Turm samt Uhr war prägend für den ehemaligen Kasernenkomplex an der Forster Landstraße. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Spremberg. Die Braunkohle steht vor dem Aus. Eine neue Idee weckt alte Erinnerungen. Spremberg als Garnisonsstadt? Von Marcel Laggai und Annett Igel-Allzeit

Der Kohleausstieg im Jahr 2038 wird in der Lausitz kontrovers diskutiert. Wie der Strukturwandel funktionieren könnte, hat die Kohle-Kommission in einem Konzept vorgestellt. Und der Vorschlag von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Bundeswehrstandorte in den Osten zu verlegen, um damit die Einbußen im Zuge des Kohleausstiegs zu kompensieren, weckt alte Erinnerungen. „Ein oder zwei neue Bataillone wären die wirtschaftliche Lösung für eine Kleinstadt wie Weißwasser oder Spremberg“, bekräftigte Kretschmer auch gegenüber der RUNDSCHAU. Ein Bataillon kann eine Stärke von 300 Mann haben, aber auch über 1000.

Einige Spremberger begrüßen diesen Vorschlag, wie eine nicht repräsentative Umfrage am Montag in der Innenstadt widerspiegelt. „Klar, eine Kaserne wäre ein guter Schritt, auch um das Abwandern der Jugend zu verhindern“, sagt Bernd Noack. Allerdings helfe das den Kumpels wenig. „Unsere Region muss für die Industrie interessanter werden, denn nur dort könnte man die Arbeiter sinnvoll unterbringen.“ Eine Ansiedlung von Bundesbehörden dagegen hält der Rentner für keine gute Idee. Jemand aus der Kohle würde an einem Schreibtisch schwerlich glück­lich werden, ist sich Noack sicher.

Ähnlich sieht das Angela Grimm. „Nur mit der Industrie kann man den drohenden Jobverlust abfedern“, sagt die Verkäuferin. Und 20 Jahre seien genug Zeit, um sich einen vernünftigen Strukturwandel einfallen zu lassen, meint die 48-Jährige. Dabei könne die Rückkehr der Armee ein Weg sein. Schließlich habe Spremberg eine nahezu 70-jährige Geschichte als Kasernen-Standort.

Allerdings: Bereits vor 15 Jahren wurde der Kasernen-Komplex an der Forster Landstraße abgerissen. Heute steht dort ein Solarpark. „Wir hatten schon zu DDR-Zeiten ständig die Armee vor der Nase, da kommen wir künftig auch damit klar“, sagt Angela Grimm. Bernd Noack ist skeptisch, was den Effekt angeht: „Die Bundeswehr würde die Kaufkraft etwas erhöhen, aber die Leute aus der Kohle hätten davon wenig.“

Es gibt in Spremberg aber auch Stimmen, die von den Plänen wenig halten. „Wir hatten hier lang genug eine Kaserne“, erklärt ein Spremberger, der ungenannt bleiben will. Ein Ehepaar sieht für die Bundeswehr heute gar keinen Platz mehr in Spremberg. Die Kaserne ist weg, Flächen, wo einst Panzer rollten, gehören wieder der Natur. Ein 79-Jähriger seufzt: „40 Jahre habe ich in der Kohle gearbeitet. Mir wird ihr Ende nicht mehr schaden. Aber um meine Enkel mache ich mir Sorgen.“

Dirk Süßmilch, Fraktionsvorsitzender SPD in Spremberg, ist hier selbst Panzer gefahren. „Ganz kurz war Spremberg nach der Wende noch Bundeswehrstandort. Dass die Stadt das wieder wird, würde der Region nicht das bringen, was sie braucht. Die Brötchen für die Soldaten, die Umsätze bei den Händlern – aber für eine echte Wertschöpfungskette reicht das nicht. Dafür brauchen wir Industrie. Und die Energie muss Thema der Lausitz bleiben. Wir haben die Leitungen hier und beste Voraussetzungen für Energiespeicher.“

Neben Einrichtungen der Wissenschaft und Forschung kann sich Süßmilch aber auch Berufsschulen für Spremberg vorstellen – eine medizinische Fachschule für Altenpflege. „Altenpfleger“, so Süßmilch, „werden hier so gebraucht. Und nach der zweiten Papiermaschine lohnt sich bei uns vielleicht auch eine Ausbildungsstätte für die Papiermacher.“