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| 16:29 Uhr

Neue Geschäftsführung in Spremberg
Holger Wahl lässt sie machen

Spremberg. Geschäftsführung des Familienwerkes geht in vier jüngere Hände. Von Annett Igel-Allzeit

Der Spremberger Dr. Holger Wahl legt die Geschäftsführung des Albert-Schweitzer-Familienwerkes Brandenburg in die Hände von Kai Noack und Kerstin Nowka. Er wolle ihnen nicht reinreden, verspricht er, nur helfen, wenn sie rufen. Wahl ist leidenschaftlicher Modelleisenbahner. Er hat Geduld, kann stundenlang basteln, weiß, wie man etwas aufbaut. Seine Landschaften an der Schiene haben Berge und viel Wald. Doch wovon träumte er, als er in den 90er-Jahren mit Mitstreitern das Albert-Schweitzer-Familienwerk (ASF) Brandenburg in Spremberg aufbaute? Er atmet tief durch, schüttelt den Kopf: „Nein, dass es so groß wird, das hätten wir uns damals nicht träumen lassen. Wir wollten Einrichtungen erhalten und aufbauen.“

Hervorgegangen ist das Familienwerk aus zwei Vereinen: „Da war das Netzwerk Kinder- und Jugendarbeit Regional und da war der Arbeitskreis Gesundheitsförderung Spree-Neiße. In beiden Vereinen habe ich mitgearbeitet“, erzählt Wahl. Zunächst war das ASF Dach der Vereine, dann fusionierten sie. „In den 90er-Jahren war viel möglich. Man hat abends über eine Idee nachgedacht und am nächsten Morgen beginnen können, sie zu verwirklichen“, erinnert er sich. Geholfen haben die staatlich geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – „zu 90 Prozent beschäftigten Frauen.“

Die Tafelarbeit hat das ASF in der Region aufgebaut: Anlaufstellen für die Bedürftigen gibt es in Spremberg, Cottbus, Welzow, Drebkau, Luckau, Lübben. Familientreffs und Eltern-Kind-Gruppe bestehen in Spremberg und Welzow. Projekte wie das Netzwerk Gesunde Kinder mit dem Krankenhaus, der Kräutergarten in Schwarze Pumpe, das Deutsch-polnische Zentrum für Bildung und Austausch und das Netzwerk zur Sprachförderung laufen. Mit den Kindertagesstätten in Graustein, Groß Luja, Schwarze Pumpe Nord und Sellessen ist das ASF Kita-Träger. Im Lausitzer Haus des Lernens, der freien Grundschule des ASF, gehen die Anmeldelisten bis ins Jahr 2025. „Eine Schule von Klasse 1 bis 6 zu sichern, ist eine große Verantwortung. Gäste staunen, wie wir das mit Fachkräften schaffen. Mit unseren Lehrern, Sozialpädagogen und Erziehern sind wir gut aufgestellt.“ Und diese kleine Schule, die auf Einzügigkeit setzt, weil es Eltern gibt, die sich das für ihre Kinder wünschen, die den Schachwettbewerb für Spremberg sichert und Eltern motiviert, mehr in der Erziehung zu tun, sei wichtig für die Schullandschaft insgesamt. „Die kleine Konkurrenz hat auch die großen Grundschulen vorangebracht“, ist sich Holger Wahl sicher.

Neben dem Hort im Haus des Lernens kümmern sich ASF-Mitarbeiter um die Hortkinder der Heidegrundschule, um die Schulsozialarbeit der Berufsorientierenden Oberschule, um den Offenen Jugendtreff. Das Familienwerk bietet Pflegebegleiter, Einzelfallhelfer, Logopäden und Frühförderung an, berät in der Erziehung, im Täter-Opfer-Ausgleich. Mit dem Stadtchor und den „Sternschnuppen“ hat es zwei Chöre in der Obhut. Die Koordination von 30 Selbsthilfegruppen stemmt das ASF. Jüngste Schützlinge sind die Schülerlotsen-Ausbildung für Sprembergs Grundschulen und die Offene Werkstatt im Keller des City-Centers. „Wir haben 160 Mitarbeiter. Und mehr als 100 Ehrenamtliche engagieren sich bei uns. Auch bin ich stolz darauf, dass wir mit unserem Sitz in der Bergstraße und mit dem Schweitzer-Haus zwei tolle Gebäude fürs Familienwerk kaufen konnten.“

Die verschiedenen Einrichtungen befruchten sich, wie sich Theorie und Praxis im Werden des ASF befruchtet haben. Holger Wahl arbeitet an zwei Wochentagen in Spremberg, an drei Wochentagen in Potsdam. Er ist promovierter Philosoph. Seine Doktor-Arbeit hat er in den 80er-Jahren über den Bonner Entwicklungspsychologen Hans Thomae geschrieben. Thomae (1915 - 2001) gilt als Begründer der Gerontologie, der Wissenschaft des Alterns, in Deutschland. In den 90er-Jahren  studierte Wahl – wie seine Frau, die Lehrerin – berufsbegleitend noch einmal Verhaltenspädagogik. Neben der Arbeit als ASF-Geschäftsführer ist er stellvertretender Direktor des An-Instituts der Uni Potsdam für Weiterqualifizierung im Bildungsbereich. Lehrer lassen sich dort berufsbegleitend sonderpädagogisch schulen und Fachleute verschiedener Richtungen zu Lehrern ausbilden. Auch wenn er als junger Mensch lange Arzt werden wollte  –  „ich trug zu Schulausflügen immer die Sani-Tasche“, bereue er heute mit 65 Lenzen die endgültige Entscheidung für die Philosophie nicht. Bei einem schweren Verkehrsunfall in seinem Heimatort Cunewalde hatte er gemerkt, dass er kein Blut sehen kann. Er schaffte viel, und es habe Spaß gemacht. Rund 500 Studierende in Potsdam bekommen ihn jetzt ganz. Auch wenn es bei drei Tagen am An-Institut bleibe, sei sein Kopf nun ganz bei ihnen. Ums ASF mache er sich keine Sorgen. „Kai Noack ist so lange bei uns, und Kerstin Nowka hat auch fünf Jahre Erfahrung. Ihre bisherigen Aufgaben in der Tafel und in der Personalleitung werden sie neben der Geschäftsführung erledigen. Ich war sogar noch etwas jünger als Kai Noack, als wir in den 90er-Jahren hier durchstarteten“, so Holger Wahl schmunzelnd. Aber er wisse auch, dass Aufbauen spannender  ist. „Stabilisieren ist mühsamer und wird manchmal gar nicht gesehen.“  

 Dr. Holger Wahl, Geschäftsführer des Albert-Schweitzer-Familienwerkes Brandenburg, legt die Leitung in jüngere Hände.
Dr. Holger Wahl, Geschäftsführer des Albert-Schweitzer-Familienwerkes Brandenburg, legt die Leitung in jüngere Hände. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit