| 15:49 Uhr

Aus dem Gerichtssaal
„Er hat unser Leben zerstört“

Spremberg/Cottbus. Warum sich ein Ehepaar aus Spremberg auf seinem eigenen Grundstück nicht mehr sicher fühlt. René Wappler

Ein psychisch kranker Mann terrorisiert im Wahn ein Ehepaar aus Spremberg. Länger als ein Jahr sehen sich beide seinen Attacken auf ihr Grundstück und ihr Haus ausgesetzt – und fühlen sich in jeder Hinsicht im Stich gelassen: So stellt sich der Konflikt dar, über den das Cottbuser Landgericht derzeit verhandelt.

„Er hat unser Leben zerstört“, sagt die Frau. Einen dicken Aktenordner trägt sie bei sich, der jede Anzeige dokumentiert. Der „mörderische Knall“, den sie eines Morgens hörte, die eingeschlagenen Scheiben, die herausgerissenen Sträucher im Garten, der ausgekippte Müll auf dem Grundstück: Davon erzählt sie vor dem Richter. Der 33-jährige Beschuldigte aus Spremberg sitzt schräg gegenüber. Immer wieder ruft er dazwischen, immer wieder mahnt ihn der Richter – vergeblich.

Ähnlich verhallten wohl die Hilferufe des Ehepaars. Beide berichten übereinstimmend, der junge Mann, regelmäßiger Patient in der Psychiatrie des Spremberger Krankenhauses, habe ihr Grundstück wohl fälschlicherweise für das eines Arztes gehalten. Als er sich erneut in der Klinik aufhielt, besuchten sie ihn, um ihn zur Vernunft zu bringen. Sie sprachen mit seinem Betreuer, mit Landrat Harald Altekrüger, mit weiteren Politikern. Sie installierten eine Videokamera an ihrem Haus. Doch die Attacken setzten sich fort.

Die Frau sagt: „Ich bin inzwischen in psychologischer Behandlung.“ Bei jedem lauten Geräusch schrecke sie auf, es herrsche ständige Alarmbereitschaft. „Wir wollen nur, dass das aufhört, dass wir irgendwann mal lernen, wieder ein vernünftiges Leben zu führen.“ Der Schaden auf dem Grundstück beläuft sich nach ihren Worten auf mehr als 10 000 Euro. Die Versicherung habe bereits den Vertrag gekündigt.

Ihr Mann sagt, die Polizei habe ihnen zu einem Hund geraten, um den unerwünschten Besucher abzuschrecken. „Aber wir sind den ganzen Tag arbeiten, und in dieser Zeit kann sich niemand um ein Tier kümmern: Das sind alles so hilflose Aktionen.“ Alles hätten sie versucht, um das Problem zu klären, aber nirgends Unterstützung erhalten. „Wir haben zweieinhalb Jahre nicht geschlafen, nur geruht“, erklärt er. „Das zehrt an den Nerven.“

Als das Ehepaar vor Gericht aussagt, hält es den Beschuldigten kaum auf seinem Stuhl. „Es tut mir leid, ich entschuldige mich“, ruft er.

Der Mann entgegnet resigniert: „Das hast du schon mehrmals getan.“

Auch die 79-jährige Großmutter des Beschuldigten erscheint als Zeugin im Saal des Landgerichts. Sie erinnert sich daran, dass er als Kind „ganz normal“ und „kein schlechter Schüler“ war. In seiner Jugend habe er sich verändert. „Er ist manchmal ein bisschen ausgeflippt, er hatte Ärger, er war aufgeregt, und ich habe nicht verstanden, was er wirklich wollte.“ Im Spremberger Krankenhaus hätten Ärzte bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. „Er hat vieles gemacht, was nicht in Ordnung war“, sagt die Großmutter. „Er hatte sehr nette Freunde, aber die haben sich alle zurückgezogen.“

Das Ehepaar aus Spremberg verlor irgendwann die Geduld: Wie die Polizei im April 2016 berichtete, fuhr der Mann dem Beschuldigten hinterher, nachdem dieser wieder einen Stein gegen das Haus geschleudert hatte. Er fesselte ihn und hielt ihn auf seinem Grundstück fest, um ihn kurz darauf den Beamten zu übergeben. Dafür nahm er selbst ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung am Amtsgericht in Kauf.

Seit diesem Vorfall lässt der 33-Jährige das Ehepaar in Ruhe. Der Prozess am Cottbuser Landgericht geht im November weiter.