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Gericht verhandelt um Millionenwert

Viele Mandanten wissen nach Aussage eines Steuerberaters nicht um die drastischen Folgen einer mangelhaften Buchführung.
Viele Mandanten wissen nach Aussage eines Steuerberaters nicht um die drastischen Folgen einer mangelhaften Buchführung. FOTO: Fotolia
Spremberg/Cottbus. Das Cottbuser Landgericht beleuchtet in einem Prozess die Frage, ob eine Unternehmerin aus Spremberg Steuern von mehr als einer Million Euro hinterzogen hat. Am gestrigen Mittwoch sagte ein Steuerberater als Zeuge aus – und ließ sich dafür von seiner Schweigepflicht entbinden. René Wappler

Der Steuerberater geht durch den Gerichtssaal hinüber zur Angeklagten, er legt ihr ein Schriftstück vor, sie unterschreibt. Damit befreit sie ihn von seiner Schweigepflicht.

Der Vorsitzende Richter Stefan Fiedler sagt zu ihm: "Sie sind ja schließlich ein Geheimnisträger."

Indem dieser Geheimnisträger vor Gericht aussagt, könnte er zur Klärung des Falles beitragen. Die Anklage wirft der Frau vor, mit ihrem Spremberger Metallhandel in den Jahren 2006 bis 2011 weder für den Umsatz noch für das Einkommen oder das Gewerbe Steuererklärungen eingereicht zu haben.

Der Steuerberater erscheint auf Antrag der Angeklagten als Zeuge vor Gericht. Wie er berichtet, nahm sie gegen Ende des Jahres 2009 Kontakt zu ihm auf - nach einer Hausdurchsuchung. "So kam das Mandat zu mir", sagt er. Demnach setzte er sich mit der Finanzbehörde auseinander, da für die vorherigen Jahre die nötigen Steuererklärungen fehlten. "Von mir wurde verlangt, dass ich das aufarbeite." So habe er die beschlagnahmten Unterlagen erhalten. Später sei er auf weitere Akten gestoßen, vermutlich bei der Hausdurchsuchung übersehen. Vor Gericht spricht er davon, dass er auf "ein heilloses Durcheinander" stieß, hinterlassen vom früheren Buchhalter der Unternehmerin. "Wir wollten schon gern wissen, worum es genau geht", erklärt der Steuerberater. "Es standen große Umsätze im Raum, es war auch die Rede von großen Gewinnen, aber wir wollten uns das Ganze mal anschauen - und waren deshalb bereit, es aufzuarbeiten."

Auch das Finanzamt habe offensichtlich Geld gesucht, jedoch nichts im Haus gefunden. Zum Aufwand für das Prüfen der Belege aus vergangenen Jahren gesellte sich für ihn auch noch Pech. Und zwar am 14. Mai 2010: Dieses Datum kann er auf Anhieb nennen. Ein Computerabsturz habe dazu geführt, dass er die Steuererklärungen der Unternehmerin für das Jahr 2011 erst verspätet einreichen konnte.

"Die Festplatte meines Netzwerks ging kaputt, nichts war mehr zu retten, wir mussten eine Sicherung aufsetzen - doch die erwies sich als unbrauchbar." Der gesamte Datenbestand sei damit verschwunden. Alle Telefonlisten, alle Adressen. "Wir haben dann alles neu gemacht, neue Buchführungen für alle Mandanten, kein Geld haben wir in dieser Zeit bekommen, und als wir mit allem fertig waren, wurde ich wegen Burnout krankgeschrieben." Zu Beginn des Jahres 2011 sei er ins Büro zurückgekehrt, um die Buchführungen voranzutreiben und weitere Anträge auf Fristverlängerung zu stellen. "So kamen wir aus dieser Situation wieder heraus."

Die Angeklagte selbst äußert sich nicht bei diesem Termin am Cottbuser Landgericht. Allerdings gibt ihr Steuerberater zu bedenken, dass es ähnlich wie ihr vielen Mandanten gehe. "Die bekommen Post vom Finanzamt, wissen nicht, dass es sich lediglich um die geschätzten Bescheide handelt, zahlen das Geld, und alles ist gut." Das bedeute nicht, dass er dieses fehlende Wissen um finanzielle Belange gutheiße - doch es komme nun einmal oft vor.

Er nennt ein weiteres Beispiel: Schon allein, wenn ein selbstständiger Unternehmer sein altes Auto gegen ein neues mit höherem Wert austausche und der Buchhalter es nicht merke, könne er sich im Ernstfall den Vorwurf der Steuerhinterziehung einhandeln.

Inwiefern seine Aussage in die Plädoyers und das Urteil einfließt, dies wird sich bald zeigen: In der nächsten Woche setzt das Landgericht den Prozess um die Spremberger Unternehmerin fort.

Zum Thema:
Paragraf 370 des Strafgesetzbuches besagt: Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe wird belangt, wer zum Beispiel den Finanzbehörden oder anderen Behörden über steuerlich erhebliche Tatsachen unrichtige oder unvollständige Angaben macht oder sie pflichtwidrig über steuerlich erhebliche Tatsachen in Unkenntnis lässt. In besonders schweren Fällen kommt eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren infrage.