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Gericht prüft Attacke in Spremberger Krankenhaus

Über einen Angriff am Neujahrsmorgen im Spremberger Krankenhaus befindet derzeit das Landgericht in Cottbus.
Über einen Angriff am Neujahrsmorgen im Spremberger Krankenhaus befindet derzeit das Landgericht in Cottbus. FOTO: MAT1
Spremberg/Cottbus. Das Landgericht in Cottbus verhandelt derzeit über den Fall eines Mannes, der im Spremberger Krankenhaus versucht haben soll, einen anderen Patienten zu erwürgen. Versuchter Totschlag: So lautet der Tatvorwurf. René Wappler

Allerdings leidet der Angeklagte unter einer psychischen Krankheit, wie Sachverständige und Familienmitglieder berichten.

Am Neujahrsmorgen zum Frühstück brach der Streit zwischen den beiden Patienten der Spremberger Psychiatrie aus. Das erklärt eine Polizistin, die in diesem Fall ermittelt und vor dem Landgericht ihre Erkenntnisse schildert. So habe ein Patient im Vorbeigehen zum Beschuldigten gesagt, er solle nicht allen Leuten den Kaffee wegtrinken. Damit sei der Konflikt ausgebrochen. Nach Aussage der Polizeibeamtin lief der Beschuldigte dem anderen Patienten hinterher, fragte ihn, ob er "eins in die Fresse will", legte ihm dann den Arm um den Hals und zog ihn wie eine Schlinge immer fester zu. Zwei Krankenschwestern schritten ein. Er gab schließlich nach, sagte aber: "Nächstes Mal lasse ich nicht mehr los."

Deshalb sitzt er am Montagmorgen vor dem Richter, hereingeführt in Handschellen. Seine Schwester sagt an diesem Vormittag ebenfalls aus. Sie erzählt, warum sie inzwischen jeden Kontakt zu ihm abgebrochen hat. "Früher war das Verhältnis zu ihm sehr gut", sagt sie. "Man konnte sich auf ihn verlassen." Seitdem er jedoch an paranoider Schizophrenie leide, reagiere er immer aggressiver.

"Er wurde handgreiflich gegenüber meinen Mann, der Tante, dem Vater", sagt die Schwester. "Das ist der Punkt, an dem wir als Familie nicht mehr weiter können und nicht mehr weiter wollen. Er kann nicht allein leben, er kriegt es nicht auf die Reihe, man kann nicht mehr normal mit ihm reden."

Als sie den Gerichtssaal wieder verlässt, schaut sie kurz zu ihm herüber, richtet ihren Blick jedoch gleich wieder zum Ausgang.

Eine Ärztin berichtet, wie sich die Krankheit beim Beschuldigten äußert. "Er fühlt sich verfolgt", sagt sie. "Er hegt die Vermutung, dass ihm ein Chip implantiert wurde, dass man seine Gedanken abzieht und ihn aushorcht." Das "klinische Wahnsystem" lasse sich zwar nicht heilen, aber mithilfe von Medikamenten eindämmen. In Zukunft wolle der Beschuldigte im betreuten Wohnen leben, jedoch nicht mehr in Guben oder Forst, wo er sich früher aufhielt: Dort fühle er sich nicht sicher.

"Er hat gesagt, dass es ihm leidtut", erläutert die Fachärztin, "dass er den anderen Mann nicht töten wollte."

Dabei verurteilte ihn schon im Jahr 2015 ein Gericht wegen Diebstahls und versuchter Körperverletzung: Aus einem Supermarkt in Forst stahl er demnach Getränke, woraufhin ihn die Filialleiterin am Rucksack festhielt. Er versuchte wiederum, sie zu schlagen.

Vor seiner Erkrankung samt Diagnose im Jahr 2002 arbeitete der Beschuldigte als Schlosser, machte das Fachabitur. Im Jahr 2004 folgte der Antrag auf Rente, wie der Vorsitzende Richter ausführt. "Später wollte er wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen." Doch dieser Versuch habe ihn aufgrund seiner Krankheit zu sehr angestrengt.

Trotzdem hält der Beschuldigte an seinem Ziel fest: "Ich will wieder in Lohn und Brot kommen."

Darauf erwidert der Richter mit Hinweis auf die Tatsache, dass dem Mann inzwischen auch ein fester Wohnsitz fehlt: "Wenn Sie jetzt rauskämen, wüssten Sie ja gar nicht, wo Sie hin sollen."

Der Beschuldigte sagt: "Ins Obdachlosenheim vielleicht oder ins betreute Wohnen, eventuell in eine Wohngemeinschaft."

Die Verhandlung wird in den nächsten Monaten fortgesetzt, unter anderem mit dem Gutachten eines Neurologen. Ein Urteil stellt das Gericht für Oktober in Aussicht.