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Gericht beleuchtet Betreuung kranker Straftäter

Spremberg/Cottbus. Im Prozess um einen Angriff im Spremberger Krankenhaus befasst sich das Landgericht in Cottbus inzwischen mit der Frage, ob die Strafe wegen versuchten Totschlags für den psychisch kranken Angeklagten zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Eine zweite Variante wäre der Maßregelvollzug, bei dem Straftäter in Fachkrankenhäusern unterkommen. René Wappler

Sie kommt nach Angaben des Landesamtes für Soziales und Versorgung in Betracht, wenn die Täter aufgrund einer psychischen Krankheit nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig sind.

Im aktuellen Fall soll der Angeklagte am Neujahrsmorgen des Jahres 2017 im Spremberger Krankenhaus versucht haben, einen anderen Patienten nach einem Streit zu erwürgen. Lediglich das Eingreifen zweier Mitarbeiterinnen habe das Leben des angegriffenen Mannes gerettet.

Nun äußerte sich am Donnerstag vor dem Landgericht eine Mitarbeiterin des Vereins "Future Care", zu dem der Angeklagte Kontakt aufgenommen hat: Die Organisation bietet in der Stadt Brandenburg betreutes Wohnen für psychisch Kranke an. Der Vorsitzende Richter fragte: "Wenn er einen Vertrag mit Ihrem Verein schließen würde - wie sähe dann seine Unterbringung aus?"

Die Mitarbeiterin des Vereins erklärte: "Er würde ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft bekommen, während wir ihn ambulant betreuen." So sei es möglich, ihn beim Finden einer Tagesstruktur und bei der Suche nach Arbeit zu unterstützen. Allerdings gebe es für die Betreuer auch Grenzen: So dürften sie keinen Bewohner dazu zwingen, ihre Hilfe anzunehmen.

Der Sachverständige Uwe Heidergott hatte in der vergangenen Woche im Gerichtssaal sein Gutachten vorgestellt: Demnach leidet der Angeklagte seit dem Jahr 2002 unter paranoider Schizophrenie. Die Krankheit äußere sich bei ihm mutmaßlich in der Vorstellung, jemand habe ihm einen Chip in den Kopf gepflanzt, um ihn von außen zu steuern. Mehrere Versuche, ihn in der Psychiatrie zu behandeln, seien gescheitert. Darüber hinaus sei der Angeklagte schon in der Vergangenheit durch aggressives Verhalten aufgefallen - zum Beispiel gegenüber Mitarbeitern des Spremberger Rathauses. Zwar zeige er inzwischen eine gewisse Krankheitseinsicht. Ein selbstständiges Leben würde ihn aber überfordern, wie der Gutachter feststellte.

Vor diesem Hintergrund wandte sich der Sachverständige am Donnerstag beim Gerichtstermin ebenfalls an die Mitarbeiterin des Vereins "Future Care": "Wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass der Betreffende nicht zu Ihrem Konzept passt?"

Dies sei bei anderen Klienten schon vorgekommen, räumte sie ein. In solchen Fällen werde das Sozialamt eingeschaltet, um nach einer anderen Einrichtung zu suchen, in der die jeweilige Person unterkomme. "Wir haben auch eine Deeskalationsstrategie für körperliche Auseinandersetzungen, die wir aber noch nicht einsetzen mussten, da unsere Bewohner eigentlich sehr einsichtig reagieren."

Der Gutachter spricht sich nach wie vor dafür aus, den Angeklagten in einer stationären Einrichtung unterzubringen. Dennoch betonte er beim Gerichtstermin, er habe "erst mal einen guten Eindruck vom dargestellten Konzept". So hält er es für möglich, diese Variante ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Zu einem abschließenden Urteil kam es am Donnerstag nicht: Der Prozess am Cottbuser Landgericht wird noch im Oktober fortgesetzt.