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| 02:36 Uhr

Gericht befindet über Gewalttäter

Das Cottbuser Landgericht – hier wurde die Haftstrafe für Martin G. gesenkt.
Das Cottbuser Landgericht – hier wurde die Haftstrafe für Martin G. gesenkt. FOTO: ZB
Spremberg / Cottbus. Ein Straftäter zeigt Reue – und Juristen fragen sich, wie ernst er es meint. Das Cottbuser Landgericht hat sich am Mittwoch mit einem Berufungsverfahren befasst, in dem der Angeklagte aus Spremberg über seine Motive spricht: Er verbüßt derzeit eine Haftstrafe, unter anderem, weil er im Jahr 2013 vor dem City-Center einen jungen Mann zusammenschlug. René Wappler

Mittwoch, kurz nach neun Uhr. Erst im Gerichtssaal nehmen die Polizeibeamten dem 25-jährigen Martin G. die Handschellen ab.

Richterin Sigrun von Hasseln fragt: "Geht es Ihnen so weit okay in der Haft?"

Er antwortet: "Den Umständen entsprechend."

Mit dem Berufungsverfahren will Martin G. erreichen, dass er früher als vorgesehen in Freiheit kommt.

Im Juni 2013 erklärte er in einer Spremberger Bäckereifiliale in Anwesenheit eines Polizeibeamten: "Die Bullen sind alles Fotzen, das sind alles Pussys, die klatsche ich doch weg." So steht es im Protokoll des Gerichts.

Einen Monat später schlug er vor dem Spremberger City-Center einem jungen Mann mit der Faust gegen den Kopf - und zwar so stark, dass dieser das Bewusstsein verlor und eine Woche mit Einblutungen im Gehirn im Krankenhaus lag. Auch danach blieb er noch längere Zeit krankgeschrieben. Nun sitzt er dem Angeklagten gegenüber, im Saal des Cottbuser Landgerichts.

Die Richterin wendet sich an den Angeklagten: "Möchten Sie sich zu den Sachen äußern?"

Er möchte. Was genau am City-Center passiert ist, das könne er zwar nicht mehr so genau sagen. Er erinnere sich aber daran, dass er "sehr alkoholisiert" gewesen sei und den jungen Mann "über den Haufen gehauen" habe.

"Ich bin froh, dass keine erheblichen Nachfolgeschäden geblieben sind", sagt Martin G. "Ich habe viel nachgedacht, ich möchte mich entschuldigen, es tut mir leid." Sobald er seine Finanzen in Ordnung gebracht habe, könne er auch ein gewisses Schmerzensgeld zahlen.

Das Opfer des Angriffs erwidert nur: "Dazu will ich nichts sagen."

Nun hakt der Staatsanwalt beim Täter nach: "Was ging denn insgesamt in Ihrem Kopf vor in dieser Zeit?" Damit spielt er auch auf die rechtsradikale Ideologie an, mit der sich Martin G. in der Vergangenheit brüstete. Die Mitarbeiter der Opferperspektive, eines Vereins, der Leidtragende rechtsextremer Gewalttaten unterstützt, beschrieben ihn im Jahr 2014 so: Er sei "berüchtigt und gefürchtet wegen seiner brutalen, von rassistischen und rechten Motiven getragenen Angriffe". Er zähle zu den Personen, "die das in Spremberg herrschende Klima der Gewalt und Einschüchterung zu verantworten haben".

Mittlerweile spricht Martin G. von "Affekt", davon, dass er "im Frust gehandelt" habe, in "jugendlicher Unreife". In Zukunft wolle er arbeiten, vielleicht eines Tages Geld als Industriemechaniker verdienen, sich etwas aufbauen, eine Familie gründen und mit einer Anti-Aggressionstherapie beginnen.

"Ich war ziemlich dumm", erklärt er der Richterin. "Mehr kann ich jetzt auch nicht sagen."

Zwar hat er noch keinen Beruf gelernt, stattdessen eine Ausbildung zum Koch abgebrochen. Doch die jüngste Beurteilung aus der Justizvollzugsanstalt weist aufseine "Wissensbegierde" hin, auf "stetige Teilnahme" und selbstständiges Arbeiten. Zudem verhalte er sich korrekt gegenüber den Lehrausbildern. Sein Verteidiger hofft, dass die Gesamtstrafe gemildert werden kann: "Der Angeklagte hat inzwischen ein vollumfängliches Geständnis abgelegt." Früher sei Martin G. "ein bisschen egozentriert" gewesen, jetzt habe er konkrete Ziele und Vorstellungen. Wichtig sei auch, dass er sich beim Nebenkläger entschuldigt habe.

Der Staatsanwalt verweist hingegen auf die "brutale Straftat": Auf der anderen Seite habe sich der Angeklagte nun tatsächlich "geständig eingelassen", was bei Gewaltdelikten mit politischem Hintergrund relativ selten vorkomme.

So stellt der Staatsanwalt den Antrag, die Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten auf zwei Jahre und sechs Monate zu verkürzen: "Aufgrund der Entwicklung in der Justizvollzugsanstalt ist durchaus eine positive Tendenz zu erkennen, und es wird am Angeklagten liegen, sie zu untersetzen."

Anders äußert sich der Anwalt der Nebenklage. In seinen Augen hat Martin G. den Angriff vor dem Spremberger City-Center nicht richtig aufgearbeitet. Zwar spreche das Geständnis für ihn, auch wenn es "unter dem Druck der Beweislage" erfolge. Doch daraus lasse sich noch keine schlüssige Motivation für die Straftaten herleiten.

Schließlich verkündet die Richterin das Urteil, nachdem sie alle Seiten gehört hat: Die Gesamtfreiheitsstrafe wird auf zwei Jahre und vier Monate herabgesetzt. Der Angeklagte trägt die Kosten der Berufung. "Man kann nur wiederholen, dass es sich um eine abscheuliche Geschichte handelt", sagt sie. "Wir hatten schon einen vergleichbaren Fall, bei dem jemand ums Leben kam." Zugleich sei zu bemerken, dass sich im vergangenen Jahr "viel getan" habe beim Angeklagten. "Sie haben sich entschuldigt und bereiterklärt, Schmerzensgeld zu zahlen - auch wenn Ihnen das momentan noch nicht möglich ist."

Gegen das Urteil kann Martin G. innerhalb einer Woche Revision einlegen.