| 02:59 Uhr

Geiselnehmer gibt Geständnis ab

Polizeibeamte untersuchen den Tatort in Spremberg. Der Geiselnehmer hatte die Tür der Tankstelle kurz vor Mitternacht mit Gewalt geöffnet.
Polizeibeamte untersuchen den Tatort in Spremberg. Der Geiselnehmer hatte die Tür der Tankstelle kurz vor Mitternacht mit Gewalt geöffnet. FOTO: LR (Archiv)
Spremberg/Cottbus. In der Gerichtsverhandlung um die Geiselnahme an einer Spremberger Tankstelle im September vergangenen Jahres ist am gestrigen Mittwoch die Beweisaufnahme erfolgt. Der 29-jährige Angeklagte zeigte sich geständig. René Wappler

Während die Mitarbeiterin der Tankstelle im Zeugenstand des Cottbuser Landgerichts von der Schreckensnacht berichtet, schaut der Angeklagte zu Boden. Erst als sie eine kurze Pause einlegt, blickt der 29-jährige Sergej S. auf. "Ich möchte mich entschuldigen", sagt er zu ihr. "Ich hoffe, Sie können mir verzeihen."

Einen Moment schweigt sie. Dann erklärt sie, dass sie sich dazu nicht äußern möchte.

Diese Nacht im September 2013 hat das Leben der 51-jährigen Angestellten auf den Kopf gestellt. Um 23.45 Uhr warf Sergej S. einen Stein durch die Tür der Spremberger Tankstelle, er drang ein und hielt die Frau mehrere Stunden in seiner Gewalt, bis ihn Polizeibeamte gegen 2.30 Uhr zum Aufgeben zwangen.

Der Angeklagte gibt gleich nach Beginn der Sitzung zu Protokoll, dass alle Vorwürfe gegen ihn zutreffen. Dass er die Verkäuferin der Tankstelle im Würgegriff hielt. Dass er ein Küchenmesser dabei hatte. Dass er versuchte, in der Tankstelle einen Molotow-Cocktail zu basteln.

In seinem Gutachten berichtet der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Jürgen Rimpel vom Motiv des jungen Mannes. Dieser habe seiner Freundin zeigen wollen, "was sie ihm eingebrockt hatte", indem sie sich mit dem Gedanken einer endgültigen Trennung trug: In einer "trotzigen, unreifen Reaktion" und mit einem mutmaßlichen Alkoholwert von mehr als zwei Promille habe er sich dazu entschlossen, in die Tankstelle einzudringen und die Mitarbeiterin zur Geisel zu nehmen. Dazu passt, dass Sergej S. die Mitarbeiterin aufforderte, die Polizei anzurufen - und dann von den Beamten verlangte, sie sollten seine Freundin zum Tatort holen.

Die Angestellte, eine Mutter dreier Kinder, berichtet im Zeugenstand: "Vom Sehen kannte ich ihn schon mehrere Jahre, er hat ab und zu bei uns eingekauft." An diesem Abend war sie zur Nachtschicht eingeteilt. "Ich sah ihn an der Tür und wunderte mich, dass er nicht zum Nachtschalter geht." Doch dann, so erinnert sie sich, knallte es laut - und sie schaute in das Gesicht des Täters.

An den Richter gewandt sagt sie: "Kennen Sie Klaus Kinski? Die Edgar-Wallace-Filme? So ungefähr war sein Blick, das werde ich nie vergessen."

Eine posttraumatische Belastungsstörung plagt die Tankstellen-Mitarbeiterin, sie leidet an Angstzuständen, und trotzdem erklärt sie: Es sei die beste Therapie für sie, an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren. "Da kenne ich mich aus, da bin ich seit 17 Jahren." In Tränen brach sie nach eigenen Worten erst aus, als sie nach ihrer Krankschreibung den ersten Kontoauszug in der Hand hielt. "Finanziell war das alles für mich noch mal eine Bestra fung: Mir wurden ja nur 80 Prozent meines Gehalts erstattet, die Zuschläge fielen in dieser Zeit ebenfalls weg - da bleibt zum Leben nicht mehr viel."

Angesichts dieser Schilderung stellt Richter Thomas Braunsdorf fest: "Sie haben eine große Nervenstärke bewiesen."

Der Angeklagte beteuert, dass er sich mit Reue trage. "Ich weiß auch, dass sie Todesangst ausgestanden hat, aber ich kann die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen."

Der Richter fragt: "Was wollten Sie denn erreichen?"

"Dass meine Freundin zur Tankstelle kommt und sieht, in welcher Scheiße ich stecke", sagt Sergej S. "Ich wusste in dieser Nacht schon, was ich mache."

Zum Thema:
Die Verhandlung am Cottbuser Landgericht wird am Mittwoch, 2. April, fortgesetzt. Nach der gestrigen Beweisaufnahme wird es dann voraussichtlich zu den Plädoyers und zur Urteilsverkündung kommen. Der Angeklagte muss außerdem eine weitere zweijährige Haftstrafe wegen Freiheitsberaubung verbüßen: Er hatte seine damalige Freundin gegen ihren Willen in ihrer Spremberger Wohnung festgehalten.