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| 19:26 Uhr

Gegen den Verfall in Proschim

Beispiele für den Verfall entdecken Sybille und Alexander Tetsch immer wieder in Proschim. Der Bushaltestelle fehlt die schützende Glasscheibe. Auch Gebäude, die der Stadt gehören, verfallen.
Beispiele für den Verfall entdecken Sybille und Alexander Tetsch immer wieder in Proschim. Der Bushaltestelle fehlt die schützende Glasscheibe. Auch Gebäude, die der Stadt gehören, verfallen. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Proschim. Die Stadt Welzow hat ihre Internetseite um das Stichwort Immobilien erweitert. Die Grundstücke in der Stadtmitte, an der Dorfaue und am Rande sollen Bauwillige anlocken. Annett Igel-Allzeit

Auch die Rathsburg, das ehemalige Ärztehaus und ein Verwaltungsgebäude in der Spremberger Straße sowie eine Produktionshalle im Industrie- und Gewerbepark Ost werden angeboten. Nur Objekte, die auch in Proschim leerstehen, fehlen bislang. Doch auch die Proschimer wollen junge Familien als Nachbarn. Und sie wollen beim weiteren Warten auf die Entscheidung der Bergbaubetreiberin Leag gegen oder für den Tagebau nicht nur dem Verfall zuschauen.

Vier Vereine des Welzower Ortsteils haben sich nun an Günter Jurischka (CDU), Welzower Stadtverordneter aus Proschim, gewandt. Der Heimatverein, der Verein für traditionelle Landtechnik und bäuerliche Lebensart, die Landfrauen und der Kulturhausverein bitten Jurischka, zur heutigen Stadtverordnetenversammlung in Welzow eine Beschlussvorlage einzureichen. Auf der Liste der verfallenden Häuser in Proschim stehen die ehemalige Gemeindeverwaltung (Welzower Straße 47), das Wohnhaus Hauptstraße 93 und das alte Betonwerk (Hauptstraße 75 A) mit teilweise eingestürzten Nebengebäuden und Wohnhaus. Alle drei Objekte sollen Eigentum der Stadt Welzow sein. "Warum werden diese Proschimer Immobilien nicht über die neue Online-Immobilien-Vermittlungsinitiative der Stadt angeboten? Familien suchen bezahlbaren Wohnraum auf dem Lande. Ihr Eigentum verfallen zu lassen, das kann sich keine Stadt leisten", so Sybille Tetsch von den Landfrauen.

Einfach einziehen könnten Familien in die Gebäude jedoch nicht. Wer durch die Fenster des Wohnhauses Hauptstraße 93 schaut, sieht, dass es zur Decke vermüllt ist. Rund 20 000 Euro würde die Entsorgung kosten, schätzt Sybille Tetsch. Ob das Auto, das im Garten im hohen Gras steht, noch fährt? "Der Schlüssel hängt bestimmt noch im Haus", vermutet sie. Der letzte Bewohner soll im Krankenhaus verstorben sein, die Verwandten hatten das Erbe ausgeschlagen. Mit dem Nebengebäude wäre das Grundstück ideal für eine junge Familie mit Kindern. Aber da neue Eigentümer neben der Entrümplung einiges sanieren müssten, schlagen die Proschimer in ihrem Text für die Beschlussvorlage vor, dass die Stadt die zusätzlichen Kosten vom Verkaufspreis nach dem aktuellen Marktwert abzieht.

Einen Nutzen, so Sybille Tetsch, hätte ein Verkauf der Häuser schließlich auch für die Stadt: Es kämen Kinder für Welzows Grundschule und Kindertagesstätten. Die Stadt wäre befreit von eventuellen Unterhaltungsarbeiten, die neue Hauseigentümer übernähmen. Wenn der Verkauf gelingt, der Verfall gestoppt wird und das Beispiel sogar Schule mache, könne sich auch das Image der Stadt verbessern.

Sybille Tetsch ist Ur-Proschimerin, kehrte nach einer Zeit im Wendland vor wenigen Jahren mit ihrem Mann nach Proschim zurück. Das Paar gehört zu den jungen Familien, die sich in Proschim etwas aufgebaut haben. Keiner weiß sicher, ob der Kohlebagger sich das Dorf nicht doch noch holt, aber sie wollen nicht tatenlos auf die Entscheidung warten, sondern leben.

Auf dem Gelände des ehemaligen Betonwerkes an der Hauptstraße 75 A/Ecke Blunoer Straße sind einige Teile der Nebengebäude eingestürzt. Als es der Treuhand gehörte, war es ein noch größerer Schandfleck. 2003 konnte es die Gemeinde erwerben und von Altlasten beräumen. Ideen gab es einige - auch, das Wohnhaus abzutrennen und an eine Familie zu verkaufen und den Werksteil für Gewerbe anzubieten. Der Landtechnikverein nutzte das Gelände zeitweise. Aber auch als sich etwa 2013 eine junge Frau ums Grundstück bemühte, um eine Kinderbetreuung dort zu etablieren, verlief das im Sande. Die Interessentin soll 2014 abgesprungen sein.