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| 20:25 Uhr

Nachruf
Von Wiege bis Bahre für alles verantwortlich

Herbert Richter
Herbert Richter FOTO: unbekannt
Spremberg/Cottbus. Früherer Generaldirektor des Gaskombinats Schwarze Pumpe, Dr. Herbert Richter, wird in der nächsten Woche beigesetzt

Der langjährige Chef des Gaskombinats Schwarze Pumpe, Dr. Herbert Richter, wird am 4. Mai in Cottbus beigesetzt. An die Zusammenarbeit mit ihm erinnert sich Jürgen Kobus aus Spremberg, der von 1983 bis 1991 das Gaswerk leitete. „Herbert Richter war auf der einen Seite kompromisslos, auf der anderen Seite ein Freund und Helfer“, sagt Jürgen Kobus. „Ohne seinen Einsatz hätte es die Lausitzhalle in Hoyerswerda nie gegeben.“

Zu einem seiner letzten öffentlichen Gespräche besuchte Herbert Richter im Jahr 2013 die Berliner Salonreihe „Generaldirektoren erzählen“. Dort berichtete er aus dem beruflichen Alltag in der DDR: „Von der Wiege bis zur Bahre musste das Kombinat für alles verantwortlich sein.“ Der Betrieb besaß nach seinen Worten eigene Kantinen, eigene Ferienheime, Kindertagesstätten, fünf Kulturhäuser, eine Poliklinik und eine Fleischerei.

Für die Volkswirtschaft der DDR war das Gaskombinat in Schwarze Pumpe von einem schier unschätzbaren Wert. Darauf weist Professor Günter Bayerl in seinem Sachbuch „Peripherie als Chance“ hin. Demnach schufen 35 214 Beschäftigte im Jahr 1985 allein 84,3 Prozent der Stadtgasproduktion, die gesamte Produktion von Braunkohlen-Hochtemperaturkoks sowie von Steinkohlenkoks und Schwelkoks. Hinzu kam die volle Versorgung mit Importerdgas, 40,7 Prozent der Brikettproduktion, 9,4 Prozent der Elektroenergie und fast 100 Prozent der Kohlewertstoffproduktion.

Dabei hatte Herbert Richter die Leitung des Gaskombinats im Jahr 1966 „in einer ganz schwierigen wirtschaftlichen Lage“ übernommen, wie sich sein einstiger Weggefährte Jürgen Kobus erinnert. Bis zum Jahr 1965 arbeitete der Betrieb in Schwarze Pumpe noch mit einem Verlust von 20,3 Millionen DDR-Mark. Im Jahr 1969 erwirtschaftete er einen Nettogewinn von 10 Millionen Mark, im Jahr 1989 ungefähr 789 Millionen Mark. Das schreibt Günter Bayerl in seinem Buch. Zugleich gibt er zu bedenken: „Freilich hatte diese Schlüsselindustrie eine Schattenseite. Was in die Grundstoffindustrie investiert wurde, fehlte an anderer Stelle.“

Seine eigene Sichtweise gab Herbert Richter beim Salongespräch in Berlin im Jahr 2013 preis. Er kritisierte im Rückblick: Wenn Betriebe so erfolgreich arbeiteten wie das Gaskombinat, wurden ihnen Problemfälle zugewiesen. Dazu zählte er marode Betriebe in Lauchhammer, Zwickau und Espenhain. Diese Entscheidung habe die Entwicklung des Gaskombinats stark eingeschränkt. Somit habe sich die vermeintliche Einheit von Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik unter Staatschef Erich Honecker in Wahrheit als Sozialpolitik zulasten der Wirtschaftspolitik erwiesen.

In seiner Arbeit ging Herbert Richter unbürokratisch vor, wie der damalige Gaswerk-Leiter Jürgen Kobus berichtet. „Wenn ich mit Problemen zu ihm kam, sagte er einfach, erzähle mal – und dann unterbreitete er mir drei Vorschläge, wie es laufen könnte.“ Gegen den Willen der SED-Bezirksleitung unter Werner Walde in Cottbus habe sich Herbert Richter erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Lausitzhalle in Hoyerswerda entsteht. „Los, wir müssen das packen“: Das sei sein Leitspruch gewesen.

Günter Bayerl erläutert im Sachbuch „Peripherie als Chance“: „Die Zusammenarbeit mit der Stadt Hoyerswerda war eng.“ Das Kombinat speiste demnach zusätzliches Trinkwasser in das Netz der Stadt ein. Schüler kamen zum polytechnischen Unterricht in den Betrieb.

Darüber hinaus erhielt das Kombinat in Schwarze Pumpe im Jahr 1974 den Auftrag für den Bau der Erdgastrasse von Orenburg bis zur Westgrenze der Sowjetunion. Sie bekam den Namen „Drushba-Trasse“. „Mit den Bauleistungen bezahlte die DDR die Erdgaslieferungen aus der Sowjetunion“, schreibt Günter Bayerl.

Bis zum Jahr 1990 leitete Herbert Richter als Generaldirektor das Gaskombinat mit 15 000 Beschäftigten. Nach dem Ende der DDR wurden die Betriebe des Gaskombinats in eigenständige Kapitalgesellschaften bei der Treuhandanstalt in Berlin umgewandelt. Aus dem Hauptbetrieb bildeten sich die Energiewerke Schwarze Pumpe.

Der Traditionsverein Glückauf Schwarze Pumpe plant für den 19. Juni ab 13 Uhr eine Gedenkveranstaltung für  Herbert Richter in der Lausitzhalle in Hoyerswerda. Dazu sind ehemalige und heutige Beschäftigte willkommen. Der Verein bittet um vorherige Anmeldung unter Telefon 03571 / 604225.

(wr)