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Fleischdauerware auf dem Boden der Mädchenschule

Spremberg. Was Harri Piel beim Blättern in den Ausgaben des "Spremberger Anzeigers" in der Zeit vom 19. bis 25. April1915 entdeckt hat, berichtet er an dieser Stelle: Harri Piel

Wenn, so wie in dieser Woche, von den Stadtverordnetenversammlungen berichtet wird, freuen wir uns immer. Dann sind interessante Dinge da, die zu heute vielleicht die eine oder andere Parallele haben. Zuerst wurde damals festgestellt, dass 14 Stadtverordnete anwesend waren, "4 fehlten mit Entschuldigung; 6 Stadtverordnete sind gegenwärtig zu militärischen Diensten einberufen. Der Magistrat ist durch Bürgermeister Nath und die Stadträte Karl Müller, Julius Richard, Adolph Petrich und Walter Jung vertreten."

Der Vorsteher - so nannte man damals den Vorsitzenden - war Julius Heinze und der eröffnete um 16.30 Uhr die Versammlung. Es waren neun dringliche Vorlagen nachträglich eingereicht worden, sodass die Tagesordnung von elf auf 20 Punkte erweitert werden musste. Der erste Tagesordnungspunkt lautete sogleich: "Einführung des neugewählten unbesoldeten Stadtrats Herrn Mühlenbesitzer Jung." und der wurde schnell mit dem üblichen Ritual der Vereidigung, Begrüßung und Beglückwünschung sowie Dank des neuen Stadtrates erledigt. Dann genehmigte man fünf Verpachtungen, zwei Schulgelderlasse, zwei Freistellen am Realgymnasium sowie an der Mädchenschule und nahm drei Revisionen zur Kenntnis. "Bürgermeister Nath gab hierbei der Versammlung bekannt, daß sich der amtliche Revisor sehr anerkennend über die jetzige Art der Kassenführung ausgesprochen habe." Das betraf die vor zwei Jahren durch den "Güterexpedient Krüsel" geleichterte Stadtbahnkasse. Für die Beseitigung von Hochwasserschäden wurden 1250 Mark bewilligt, und für die Wasserversorgung des Georgenberges, die von nun an in Regie der Stadt erfolgen sollte, gab es 3875 Mark. Zu den "Kursen im kriegsmäßigen Kochen" waren es 100 Mark Zuschuss. Auf dem Boden der Mädchenschule sollte die gesetzlich angeordnete "Fleischdauerware" im Wert von 150 000 Mark eingelagert werden. Finanziert wurde diese Aktion durch eine kurzfristige Anleihe bei der Sparkasse. Spremberger Fleischermeister hatten schon für 100 000 Mark ihre diesbezüglichen Waren geliefert.

Neues gab es auch von der "Elekrokraft-Gesellschaft". Diese wollte eine Freileitung von der "Zerre-Trattendorfer Grenze" in Richtung Kuthen zum "Dommanschen Fabrikgrundstück (Neubau)" legen. Die Bedingungen der Stadtverordneten lauteten: Ersetzen jedes gefällten Baumes, eine Mark pro Mast jährlich in die Stadtkasse und bei Schaden an den Grundstücken entsprechende Vergütung der Eigentümer. Die Leitung sollte am 1. Oktober - man beachte die Jahreszahl 1915 und staune - fertig sein. Ende der Versammlung war nach zweieinhalb Stunden um 7 Uhr.

Vom 1. Weltkrieg berichten wir über sieben Tote, 16 Verwundete - "Wehrmann Richard Weise aus Welzow (ist gleichzeitig gefangen), (. . .) Stanislaus Krasniewskiaus Welzow (Dienstgr. nicht bek.)" - und einen Vermissten. Das verzeichnete die amtliche Verlustliste für den Kreis Spremberg.

Die eingegangenen Spenden "Zur Beschaffung von Anhängern an Krankenkraftwagen zur Aufsammlung und Heranschaffung der Verwundeten unmittelbar vom Schlachtfelde" erbrachte 4800 Mark, und das reichte dann für drei Anhänger.