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| 02:34 Uhr

Fernsehprüfer Dr. Jürgen Bretschneider über Gewalt in Filmen und drastische Schnitte

Dr. Jürgen Bretschneider (links) vom Projekt "Filmernst" in einem Gespräch mit dem Schauspieler Ronald Zehrfeld (Mitte) und Moderator Sven Ole Knuth.
Dr. Jürgen Bretschneider (links) vom Projekt "Filmernst" in einem Gespräch mit dem Schauspieler Ronald Zehrfeld (Mitte) und Moderator Sven Ole Knuth. FOTO: Manfred Thomas
Derzeit ist er mit dem Projekt "Filmernst" und den Brandenburger Schulkinowochen in Cottbus zu Gast: Dr. Jürgen Bretschneider studiert darüber hinaus das TV-Programm – für die Freiwillige Selbstkontrolle des Fernsehens.

Herr Bretschneider, sitzt der typische Programmprüfer mit Bier und Chips vor dem Fernseher, um Sendungen zu gucken, die das Publikum erst in ein paar Monaten sehen wird? Für viele Leute wäre das ein Traumjob.
Ach wo. Nicht mal mit Cola und Chips, geschweige denn Bier. Eben hab ich meinen Plan für das Jahr 2017 notiert: insgesamt sechs Einsätze zu je drei Tagen. Der erste ist im März. Dafür muss man sich freistellen lassen oder Urlaub nehmen. Ich als Freiberufler kann in der Zeit keine anderen Aufträge annehmen. Die Einsätze finden dann tagsüber in Berlin statt, und in einem Ausschuss sitzen jeweils fünf Experten. Insgesamt gibt es 115 Prüfer aus der ganzen Bundesrepublik.

Das klingt nun weniger gemütlich.
Die Arbeit ist schon sehr intensiv und konzentriert. Nach jedem Beitrag diskutieren wir kollektiv über den Antrag des jeweiligen Senders, über das Für und Wider einer bestimmten Sendezeit und Altersfreigabe. Dann stimmen wir ab und entscheiden. Zu Hause schreibt man dann noch ein Gutachten.

So entdecken Sie also Filme oder Serien, die andere Menschen in Deutschland noch nicht kennen.
Stimmt auch nicht ganz. Oft sehen wir Filme oder Serien, die schon im Spätabendprogramm gelaufen sind, also ab 22 Uhr mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren. Wir prüfen auf Antrag des Senders, ob auch eine frühere Ausstrahlung möglich ist. Also im Hauptabendprogramm, ab 20 Uhr. Der Sender hat dafür bestimmte Szenen von Gewalt oder Sex herausgeschnitten, und wir schauen uns dann gemeinsam diese Fassung an.

Um zu beurteilen, ob sie sich nun für ein jüngeres Publikum eignet?
Genau. Zu einer Uhrzeit, in der im Programm keine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung für Kinder ab zwölf Jahren zu vermuten ist. Allein im Jahr 2015 hat die Freiwillige Selbstkontrolle knapp 2500 Sendungen geprüft, davon 1200 Serienfolgen. Ein Beispiel für einen Spielfilm wäre die Komödie "National Security" mit Martin Lawrence und Steve Zahn. Da kommen viele heftige Schießereien und Schlägereien vor, deftige Wortwechsel und sexistische Bemerkungen. Die Ursprungsfassung dauert 88 Minuten. Der Sender hat eine Ausstrahlung im Tagesprogramm beantragt und dafür den Film entsprechend bearbeitet. Die geschnittene Fassung ist fast sieben Minuten kürzer. Der Prüfausschuss konnte sie daher für eine Ausstrahlung zwischen 6 und 20 Uhr freigeben. Das aber erst nach gründlicher Diskussion, und auch nicht einstimmig.

Wer einen Film derart zusammenschneidet, tut doch der Vision des Regisseurs Gewalt an. Als "Kill Bill" von Quentin Tarantino gegen 22 Uhr im Fernsehen lief, waren die Kampfszenen derart verstümmelt, dass vom Rhythmus und der fließenden Choreografie des Originals nichts mehr übrig blieb.
Ja, natürlich beschädigen oder zerstören gar geschnittene Versionen mitunter die künstlerischen Intentionen des Regisseurs. Bei der freiwilligen Selbstkontrolle bekommen jedoch die Aspekte des Jugendschutzes höheres Gewicht. Wir reden wohlgemerkt nicht über Kunstfreiheit, über Stil oder persönliche Geschmacksfragen. Vielmehr behandeln wir die Frage, ob das Werk aufgrund bestimmter visueller, dialogischer, auch akustischer Merkmale Kinder oder Jugendliche nachhaltig ängstigen, ob es sie sozialethisch desorientieren und ob es ihre Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen könnte.

Dem ließe sich entgegenhalten, dass Kunst mitunter doch die Absicht verfolgt, zu ängstigen und zu verstören. Sie stillt ebenso wenig die Sehnsucht nach einer heilen Welt wie der Alltag, mit dem Kinder und Erwachsene täglich klarkommen müssen.
Es geht nicht darum, alle Szenen herauszuschneiden, die den Zuschauer beunruhigen könnten. So zeigt ja auch nicht jeder Film eine heile Welt, der im Kino ab sechs Jahren freigegeben ist. Unabhängig von der Aufgabe des Prüfers toure ich Jahr für Jahr mit dem Projekt "Filmernst" durch das Land Brandenburg: Schulklassen gehen ins Kino und diskutieren danach oder im Untericht über den Film, den wir ihnen altersgemäß vorgestellt haben. Dabei haben wir erfahren, dass man wirklich viele Filme mit Kindern sehen kann - wenn die Erwachsenen hinterher mit ihnen darüber reden. Wer offen miteinander auch über Ängste spricht, verarbeitet sie gemeinhin auch besser.

Als Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle können Sie sich wohl nicht darauf verlassen, dass Familien angeregt über Kunst diskutieren.
Ich muss bei dieser Aufgabe sogar davon ausgehen, dass sich ein Kind den jeweiligen Film oder die Serie allein vor dem Fernseher anschaut. Klar ist eines: Kinder können nicht vor jeder Zumutung bewahrt werden, egal, wie alt sie sind.

Mitunter sieht es jedoch so aus, als wollten viele Eltern ihre Kinder von eben diesen Zumutungen fernhalten.
Dazu fällt mir eine Episode ein, die wir mit dem "Filmernst"-Programm erlebt haben. Da gab es einen tschechischen Spielfilm-Beitrag, "Ab ans Meer" heißt er. Ein Elfjähriger beginnt, sein Leben mit einer Kamera zu filmen. Er glaubt, dass sein Vater eine Geliebte hat, verfolgt ihn heimlich, stellt dabei aber fest, dass es ein ganz anderes Geheimnis gibt: Der Vater fährt regelmäßig zu einem schwerkranken Halbbruder in die Klinik. Dessen Existenz hat die Familie dem Jungen verschwiegen. Ein weiterer Handlungsstrang widmet sich einem anderen Jungen, dessen Vater gewalttätig ist. Diese Prügelszenen sind nie zu sehen, sie werden dem Zuschauer erzählerisch vermittelt. Mehr als 2500 Kinder haben bei "Filmernst" diesen Film b esucht. Nur einmal reagierten Eltern empört.

Die das für ihr Kind bestimmt als unzumutbar empfanden.
So sieht es aus. Die Eltern fragten, wie wir dazu kämen, einen solchen Film auszuwählen und ab der 4. Klasse zu empfehlen, in dem Sex und Gewalt vorkommen. Daraus entwickelte sich ein längerer Schriftwechsel. Die Eltern hatten den Film leider nicht gesehen, sonst wäre von vornherein klar gewesen, dass es statt Sex eine Szene gibt, in der ein Paar harmlos miteinander kuschelt. Dass die Gewaltszenen nicht zu sehen sind, sondern ganz bewusst aus dem Off zu hören, halte ich bei einem Publikum ab neun Jahren für zumutbar. Vor allem aber ging es darum, dass Eltern mit ihren Kindern reden, dass Elfjährige nicht zu klein sind, um mit bestimmten Belastungen des Lebens klarzukommen.

Gibt es Filmbeispiele, bei denen Sie Bedenken hätten?
Kommen wir doch noch mal auf Quentin Tarantino zurück. Ein Stilmittel findet sich in nahezu allen seiner Filme: die Ironie, die er auch in Szenen voller drastischer Gewalt einsetzt. Ich glaube nicht, dass Zwölfjährige diese künstlerische Methode durchschauen, die zugleich mit raffinierten Zitaten aus der Filmgeschichte arbeitet. Einem 16-jährigen Jugendlichen würde ich das jedoch aufgrund seiner bis dahin erfahrenen Medien- und Filmkompetenz zutrauen. Von daher kommt es eben zu entsprechenden Sendezeit-Beschränkungen und Altersfreigaben.

Manche 16-Jährige können das Gesehene für sich besser einordnen als andere.
Da steht und fällt alles mit der Medienkompetenz, auch in Bezug auf das spätere Leben. Deshalb setze ich mich so dafür ein, dass Eltern ihre Kinder an Filme heranführen, dass sie mit ihnen diskutieren, nachdem sie gemeinsam einen Kinobesuch unternommen haben. Wer das beherzigt, muss sich weniger darum sorgen, ob dieser oder jener Film schon für sein Kind geeignet ist.

Einerseits existiert diese starke Sorge vor Gewalt im Kino. Andererseits lassen Eltern ihre Kinder unbekümmert Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" gucken, die Spott und Häme geradezu zelebrieren. Verzweifeln Sie da nicht manchmal als Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle?
Wenn Sie mich ganz persönlich fragen, würde ich schon sagen: Sendungen wie diese appellieren durchaus an niedere Instinkte. Ich würde sie mir freiwillig auch nicht ansehen. Wenn ich sie als Prüfer gewissermaßen dienstlich schaue, dann geht es immer um Aspekte des Jugendschutzes: Verstoßen sie ganz oder eben in bestimmten Szenen oder mit bestimmten Aussagen gegen die Menschenwürde? Wie die berüchtigte Szene aus "Deutschland sucht den Superstar", in der sich ein junger Mann vor der Jury wegen lauter Aufregung einnässt: Über diese und ähnliche Szenen in anderen Sendungen wurde in einer Fortbildungsveranstaltung für Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle ausführlich diskutiert. Und ich bin absolut der Meinung: Ja, Szenen wie diese verstoßen gegen die Menschenwürde.

Trotz solcher Erfahrungen scheint es so, als hätten Sie Freude an diesen Diskussionen.
Das ist ja zugleich das Interessante an der Aufgabe des Prüfers: Ich werde mit Sachen konfrontiert, die ich sonst nie sehen würde. Und wie ich schon sagte: Wichtig für die Medienkompetenz ist das Reden über Film.

Mit Dr. Jürgen Bretschneider sprach René Wappler

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ist nach eigenen Angaben ein gemeinnütziger Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland. Ziel der FSF ist es, "einerseits durch eine Programmbegutachtung den Jugendschutzbelangen im Fernsehen gerecht zu werden und andererseits durch Publikationen, Veranstaltungen und medienpädagogische Aktivitäten den bewussteren Umgang mit dem Medium Fernsehen zu fördern".

Zum Thema:
FSF-Prüfer Dr. Jürgen Bretschneider studierte Journalistik in Leipzig, promovierte in Linguistik. arbeitete bisher unter anderem als Kultur-Redakteur, als Lektor im Henschel Verlag Berlin, übernahm Lehraufträge und übernimmt seit dem Jahr 2003 die Programm- und Projektarbeit zur Filmvermittlung und Medienpädagogik bei "Filmernst".

Zum Thema:
Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse:redaktion@lr-online.de.