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| 02:33 Uhr

Es geht nicht nur um Strittmatter

Der Historiker Bernd-Rainer Barth (l.) in der Spremberger Stadtverordnetenversammlung im Gespräch mit Justiziarin Kerstin Schenker. Seine Studie sollte er ursprünglich 2013 vorlegen.
Der Historiker Bernd-Rainer Barth (l.) in der Spremberger Stadtverordnetenversammlung im Gespräch mit Justiziarin Kerstin Schenker. Seine Studie sollte er ursprünglich 2013 vorlegen. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Dass der Schriftsteller Erwin Strittmatter an Kriegsverbrechen des Ordnungspolizei-Batallons 325 beteiligt gewesen sein könnte, kann der Berliner Historiker Bernd-Rainer Barth nach acht Jahren Forschungsarbeit nicht beweisen. Aber er hat in der Feldpost des berühmten Sprembergers und in historischen Dokumenten Fakten wie Aussagen gefunden, die nahelegen, dass Strittmatter keineswegs nur irgendwo hinten in einer Schreibstube saß. Annett Igel-Allzeit

15 Minuten bekam Barth am Mittwoch in der Spremberger Stadtverordnetenversammlung, um über die Ergebnisse seiner Nachforschungen im Militärarchiv, im ehemaligen zentralen SED-Archiv, im Archiv der Staatssicherheit sowie im Nachlass von Erwin und Eva Strittmatter, den die Akademie der Künste beherbergt, zu berichten. Er begann mit der Karteikarte, die bescheinigt, dass Strittmatter sich für die Waffen-SS beworben hatte. Zehntausendfach seien die Karten zu Bewerbern angelegt worden. "Strittmatter erfüllte alle Aufnahmekriterien. Doch zu der Zeit, in der es noch genug 18- bis 22-Jährige gab, war er mit seinen 28 Jahren einfach zu alt. Er wurde ein Jahr später zur Schutzpolizei einberufen", so Bernd-Rainer Barth.

Wo das Bataillon 325 während des Zweiten Weltkrieges im Einsatz war, ist gut nachzuverfolgen: in Slowenien und Griechenland, wo das Bataillon an Kriegsverbrechen beteiligt war, in Finnland, wo das Regiment der 6. SS-Gebirgsjägerdivision unterstellt wurde, in Polen. Dass Strittmatter zur "Schweigegemeinschaft" seiner Generation gehört hatte, zu diesem Schluss ist auch Annette Leo in ihrer Biografie gekommen. Gegenüber der SED, so Barth, hatte der Schriftsteller später behauptet, dass er keinen einzigen Schuss aus seiner Waffe abgegeben habe. Doch der besorgten Mutter in Bohsdorf schrieb er, dass sein Stab immer mit ganz nach vorn in die Berge muss. Nach der Einnahme eines Dorfes in Oberkrain in Slowenien berichtete er den Eltern: "Dann nehmen wir es endlich und brannten alles nieder."

Bernd-Rainer Barth hat noch nicht die gesamte Feldpost durchforsten können, nur einen Teil. Zwiespalt habe er in den Zeilen auch gefunden. Die Gesichter der Dorfbewohner lassen Erwin Strittmatter darüber nachdenken, wie die Großmutter erschrecken würde, wenn sie so einen Übergriff erleben müsste. Dass er weg will vom Bataillon, werde auch deutlich. Und "glücklich wird keiner, wenn wir siegen", schrieb Strittmatter.

Das Polizeibataillon, weiß Barth, war besonders lange und vor allem für den Kampf gegen Partisanen ausgebildet worden. "Es war für den Einsatz im Kaukasus vorgesehen, wozu es dann aber durch die Schlacht bei Stalingrad nicht kam." Besonders spannend ist für Barth auch, was die Hauptabteilung IX/11 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der DDR über das Bataillon 325 alles herausgefunden hat. Mehrere Bataillonsangehörige hatte sie im Visier, zum Beispiel den Fleischermeister Josef Heller, der Koch des Bataillons gewesen war. Mit der Art ihrer Verhöre, so Barth, verstieß die MfS-Abteilung IX/11 gegen die Menschenrechte. Mit den Informationen aber, die sie ab Ende der 60er-Jahre sammelte, wurde die Bundesrepublik angeprangert, und auch Menschen im eigenen Land wurden erpresst. Josef Heller, der beteuerte, immer nur gekocht zu haben, wurde 1969, so Barth, wegen staatsfeindlicher Hetze zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der inzwischen berühmte DDR-Schriftsteller Erwin Strittmatter kam nie auf die Liste der IX/11.

Die Studie, die sich die Stadt Spremberg für 11 000 Euro bestellt hat, kann Barth noch nicht schriftlich vorlegen. Er hofft, sie bis zum Herbst in diesem Jahr abschließen zu können. Und er wünscht sich, dass sie von einem größeren Verlag gedruckt wird. "Es geht nicht nur um Strittmatter, es geht um eine ganze Generation, um Väter, die geschwiegen haben", so der Historiker. Aber er hofft auch noch auf eine weitere Quelle: Zu den Kriegsverbrechen in Slowenien soll es inzwischen umfangreiche Forschungen und Dokumente geben, die Barth einsehen will. Ob die Feldpostbriefe Erwin Strittmatters komplett veröffentlich werden, muss die Familie entscheiden. Sohn Jakob Strittmatter, weiß Barth, hätte es sofort getan, dann aber Rücksicht genommen auf die Familie und vor allem auf Eva Strittmatter (1930 - 2011).