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Erschöpft in Bagenz gelandet

Heike Henschel spürt, dass die Brieftaube zu Kräften kommt.
Heike Henschel spürt, dass die Brieftaube zu Kräften kommt. FOTO: ani
Bagenz. "Tante Heike, eine von deinen Tauben ist auf unserem Hof!" Der Nachbarsjunge ist aufgeregt, denn der Taube geht es augenscheinlich nicht gut. Heike Henschel hockt sich zu ihm. Annett Igel-Allzeit

In ihrem Taubenschlag fehlt niemand. Doch der blaue Ring am rechten Fuß der Taube bestätigt schnell: Es ist wieder eine polnische Brieftaube in Bagenz gelandet - unter der Nummer 10503 PL FCI 08416.

Die Brieftaube gilt als Rennpferd unter den Tauben. War sie einst ein Bote, der liebe Briefe und kriegsentscheidende Nachrichten nach Hause flog, lässt sie der Züchter heute zu Sportwettbewerben starten - und freut sich, wenn alle schnell heimfinden. Dass einer Taube unterwegs etwas zustößt, sie erschöpft pausieren muss, kommt vor. Im September 2016 päppelte die Bagenzerin Heike Henschel, die ein Herz für Tiere hat, die erste Brieftaube auf. "Sie kam tagsüber auf den Hof und flog abends zum Schlafplatz am Stausee", erzählt sie. Zwar hatte sich Heike Henschel bemüht, Brieftaubenzüchter zu kontaktieren. Auch fuhr sie mit der Taube weg vom Hof, um sie fliegen zu lassen. "Doch sie kehrte zum Hof zurück. Als ich bei meinen Recherchen hörte, dass manche Züchter Tauben, die zu spät heimkehren, den Hals umdrehen, beschloss ich, ihr ein neues Zuhause einzurichten." Damit die Taube sich nicht einsam fühlt, kaufte sie Orientalische Roller. Da auch ein Täuberich unter den Rollern war, hat die Brieftaube aus dem Jahr 2016 inzwischen zwei stattliche Kinder.

Als nun vor Himmelfahrt auf dem Nachbarhof wieder eine geschwächte Brieftaube auftauchte, wollte Heike Henschel alles richtig machen. Die Katzentransportkiste wird hergerichtet, eine Schüssel mit Wasser gefüllt, Körner dazugestellt. Doch den Züchter in Polen zu finden, ist schwer. "Und ewig kann ich die Taube nicht im Korb lassen, sie wird kräftiger."

Wer beim Verband Deutscher Brieftaubenzüchter "Vertrauensleute" für verirrte Tauben in der Spree-Neiße-Region sucht, findet Reinhard Albrecht aus Guben. "Eine Kiste, die die Taube am Boden hält, aber ihr Luft lässt, Körner und vor allem Wasser braucht sie, um wieder Energie zu tanken. Nach zwei, drei Tagen kann sie meist ihre Reise fortsetzen. Dann genügt es, sie zum nächsten Einkauf mitzunehmen und fliegen zu lassen", erklärt Albrecht. "Als Körner genügen Erbsen, geschälter Reis, Haferflocken", zählt Frank Zachau, Vorsitzender des Regionalen Brieftaubenvereins Cottbus-Ost, auf. "Bei mir hat sich mal ein polnischer Züchter gemeldet, bei dem eine Taube von mir gelandet war. Er wollte wissen, ob sie gut ist", so Zachau. Aber dass deutsche und polnische Züchter besser zusammenarbeiten, scheitere bisher an der Sprache. "Ich bin mit 49 Lenzen ein Jungspund. Die meisten Züchter im Verein sind jenseits der 60. Da ist es mit Polnisch, Englisch und dem Internet nicht einfach - ihr Hobby sind die Brieftauben", erklärt Zachau. Aber die Fachzeitschrift "Die Brieftaube" werde nicht nur in Deutschland gelesen, da helfe es manchmal doch, die Nummer der verirrten Taube zu veröffentlich.

Dass Züchter eine verspätete Brieftaube gleich in die Suppe werfen, bestätigen Albrecht und Zachau nicht. "Wir ziehen sie auf, geben ihnen wertvolles Futter", so Reinhard Albrecht. "Erst zum Jahresende trennen wir die Spreu vom Weizen", so Frank Zachau. Nachzügler kommen unter Beobachtung. "Ist die Brust blau oder dunkel, gönnen wir ihnen zehn Tage Ruhe. Nur Tauben mit einer rosa Brust dürfen gleich wieder starten", erklärt Zachau. Über Heike Henschel staunt er: "Toll, dass sie aus einer Brieftaube eine Gruppe entwickelt hat." Ihr Liebling in der umgebauten Pferdebox ist ein weiß-schokobraun-getupfter Orientalischer Roller.

www.brieftaube.de