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Er sieht die Tiere mit Röntgenblick

Klaus-Dieter Jost erklärt Spremberger Schülern, wie die verstorbenen Tiere so lebendig aussehen können.
Klaus-Dieter Jost erklärt Spremberger Schülern, wie die verstorbenen Tiere so lebendig aussehen können. FOTO: Martina Arlt/mat1
Spremberg. Spremberger Schüler haben in der vergangenen Woche einen Tierpräparator besucht. Sie trafen sich im Heidemuseum mit Klaus-Dieter Jost, dessen Ausstellung noch bis zum 13. November zu sehen ist. Martina Arlt und René Wappler

Da ragt ein Grashalm über den Rand der kleinen Szenerie mit drei Waschbären, die Klaus-Dieter Jost gestaltet hat. Vorsichtig schiebt er ihn zurück auf das Podest. "Das muss schon seine Ordnung haben", sagt der Tierpräparator. Jedes Detail hat er im Blick.

Deshalb wirken seine Ausstellungsstücke auch so lebendig. Der Dachs, gestorben auf der Straße bei Wismar, nachdem ihn ein Auto angefahren hatte: Wie er da im Heidemuseum in der Vitrine sitzt, erweckt er den Anschein, als würde er sich gleich bewegen.

Wenn der Präparator einen Zoo besucht, betrachtet er die Tiere mit Röntgenblick. Er sieht das Skelett, die Muskeln, die Innereien.

Das gehört zum Beruf: Wer tote Vögel und Säugetiere seziert und kunstvoll wieder zusammensetzt, kann gar nicht anders, wie Klaus-Dieter Jost einräumt. "Bloß draußen, in der freien Natur, da erlebe ich die Tiere eher wie jeder andere Mensch und genieße einfach ihre Schönheit."

Die Pädagogen Roland Bolle, Manuela Pusch und Elisabeth Frenzel von der Spremberger Kollerbergschule besuchten den Tierpräparatoren in dieser Woche gemeinsam mit den Kindern im Heidemuseum: Er hatte das Angebot unterbreitet, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Lehrer Bolle erklärt: "Wir beschäftigen uns derzeit mit dem Wald. So waren unsere Schüler im Rahmen des Sachkundeunterrichts im Museum." Die Ergebnisse des Projekttages hielten sie auf einem Plakat fest.

Dabei erzählt Klaus-Dieter Jost mit Vergnügen von seiner Arbeit - und davon, was sie nicht bedeutet. Es passiert ihm schon mal, dass ihn Leute fragen, ob er ihr totes Haustier präpariert, damit sie es in ihrer Wohnung aufstellen können. Doch solche Bitten lehnt er ab. "Das halte ich für unethisch", sagt er. "Die sollen ihr Tier lieber ordentlich begraben." Denn er betrachtet seinen Beruf als Bildungsaufgabe. Ihm gefällt auch die Philosophie hinter der Ausstellung "Körperwelten", für die der Wissenschaftler Gunther von Hagens mit seinem Unternehmen in Guben Menschen und Tiere plastiniert. Kritiker betrachten die "Körperwelten" zwar als einen Affront gegen die Menschenwürde.

Doch der Tierpräparator Klaus-Dieter Jost verteidigt das Projekt: "Ich habe sogar mal in Berlin drei Stunden in der Schlange gestanden, um mir die Ausstellung anzusehen", sagt er. "Solche Präparate sind wichtig, auch für die Ausbildung von Medizinern."

Nach wie vor hofft Klaus-Dieter Jost darauf, nicht nur für einen Kurzbesuch in die Lausitz zurückzukehren, sondern sich eines Tages mit einer Werkstatt ganz in der früheren Heimat niederzulassen. In Schorbus wurde er geboren, später absolvierte er eine Lehre zum Dekorateur und Polsterer am Cottbuser Theater, arbeitete in den Jahren 1976 bis 1982 als zoologischer Präparator am Bezirksmuseum im Branitzer Park, und mittlerweile lebt er in Mecklenburg. "Da fühle ich mich nicht so wohl", sagt er. "Ist schon ein anderer Menschenschlag als in der Lausitz." Am liebsten würde er in der Gegend um Bad Muskau arbeiten. "Vielleicht gibt es da ja irgendwo ein vernünftiges Domizil."

Die Tatsache, dass ihn stets tote Tiere umgeben, scheint die Lebensfreude des Tierpräparators nicht zu trüben. "Ich habe einfach Spaß an meiner Arbeit, und an die Rente denke ich mit meinen 60 Jahren schon gar nicht."

Auch das Phänomen des Todes beschäftigt ihn weniger, als es sich annehmen ließe. "Ich stelle ihn mir wie einen traumlosen Schlaf vor. Das war's, ganz einfach. Mehr ist da nicht."