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| 13:22 Uhr

Kita Neuhausen/Spree
Eltern protestieren in Neuhausen

 Vor der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree haben Eltern der Kindertagesstätten Kahsel und Komptendorf gegen den ständigen Erzieherwechsel demonstriert.
Vor der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree haben Eltern der Kindertagesstätten Kahsel und Komptendorf gegen den ständigen Erzieherwechsel demonstriert. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Mit Rasseln zum Bildungsausschuss: Eltern fürchten ums Urvertrauen ihrer Kinder in der Montessori-Kita. Zu oft wechseln die Erzieher. Von Annett Igel-Allzeit

Von einem Erzieherwechsel sind die Eltern der Kita Kahsel Anfang der Woche überrascht worden. „Mal wieder“, sagen sie resigniert. Also wollen sie die Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree, Träger der Kita, auch mal überraschen. Rund 30 Eltern rollen vorm Beginn des Bildungsausschusses vorm Verwaltungssitz in Neuhausen Transparente auf: „Stoppt Erzieherwechsel“, „Kerstin muss zurück!“, „Fehlende Kompetenz der Leitung!“, „Kinder brauchen Sicherheit“, „Montessori???“. Und lang ist die Liste, die die Mutter Anja Mischke hoch hält: 15 Erzieherinnen und zwei Erzieher haben die Eltern mit ihren Vornamen zusammengetragen. Alle 17, so die Eltern, hatten sich über längere und kürzere Phasen um die Kinder der Kahseler Kita „Parkspatzen“ gekümmert, mussten seit 2012 aber gehen und sind gegangen. „Wir sind wütend und traurig. Unsere Kinder werden auf psychischer Ebene belastet. Wir fürchten um das Urvertrauen unserer Kinder“, sagt Susanne Pigolla.

Sie werden von Eltern der Komptendorfer Kita unterstützt. Die Kita-Leiterin muss sich um beide Einrichtungen kümmern. Die Komptendorfer Kita besuchten zum Stichtag 1. März 62 Kinder, sie werden von neun Erzieherinnen betreut. In Kahsel waren es Anfang März 53 Kinder und sieben Erzieherinnen. Zwei weitere Erzieherinnen helfen in beiden Kitas und im Hort bei Personalengpässen aus.

Vor zwei Jahren war der Kahseler Kita-Ausschuss aus Protest komplett zurückgetreten. „Dass der Kita-Ausschuss Personalangelegenheiten mit entscheidet, haben wir abgelehnt“, sagt Dieter Perko (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Neuhausen/Spree. „Aber wenigstens informiert werden sollten wir. Ein Wisch von Zettel“, so Diana Straszewski verärgert. Das habe das Fass nun erneut zum Überlaufen gebracht. Mit ihm wurden die Eltern am Montagnachmittag und Dienstagmorgen über den Weggang einer Erzieherin, die seit über 30 Jahren im Haus arbeitete, informiert. „Sie war noch meine Erzieherin“, ruft Susanne Pigolla.

Mit Rasseln und Transparenten ziehen sie in den Sitzungraum der Gemeindeverwaltung. Bürgermeister Perko sorgt dafür, dass alle einen Sitzplatz bekommen. Das Problem der Eltern steht nicht auf der Tagesordnung, und der Punkt Anfragen wird nicht nach vorn verlegt. Die Kinder kuscheln sich an Mutter oder Vater oder laufen durch den Saal und zählen flüsternd die Lamellen in den Fenster.

Spielerisch und aus eigenem Antrieb zählen zu lernen, das gehört ebenso zur Pädagogik der italienische Ärztin Maria Montessori (1870 bis 1952) wie einander tolerieren, Streit schlichten und sich wieder vertragen. Seit vielen Jahren arbeitet die Kita Kahsel im ehemaligen Gutshaus nach dieser Pädagogik. 2009, nachdem drei Erzieher das Montessori-Diplom bekommen hatten, wurde die Kita offiziell „Montessori-Haus der Parkspatzen“. Eine Erzieherin mit den Spezialkenntnissen ist noch da, zwei Erzieherinnen lernen gerade fürs Diplom, erklärt Torsten Schwieg, der Hauptamtsleiter. Das Kita-Qualitätssiegel habe sich das Team im Vorjahr sichern können – mit besseren Ergebnissen als zuvor. Aber die Gemeindeverwaltung hat – wie Unternehmen und andere Verwaltungen auch – mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen.

Erzieherinnen und Erzieher zu finden, die neben ihrer fachlichen Eignung ein Montessori-Diplom haben und möglichst noch ein Instrument spielen, sei schwer, sagt Schwieg. Er verstehe die Beunruhigung der Eltern, habe aber gemeinsam mit dem Personalwesen die Entscheidung für die Versetzung der langjährigen Kollegen getroffen. Neben Lücken durch lange Krankheiten und Schwangerschaften gebe es Team-Probleme in Kahsel, bestätigt er. Da die Auseinandersetzungen der Erzieherinnen scheinbar vor Kindern ausgetragen werden, reden die Knirpse zu Hause davon. Schwieg erzählt von teambildenden Maßnahmen, die schon stattgefunden hätten, und dass er neue Erzieher nur befristet einstellen kann, wenn längere Krankheiten oder Schwangerschaften Grund für die Neueinstellung sind. Und da Ausschreibungen ihre Zeit brauchen, müsse manche Lücke kurzfristig über Personaldienstleister geschlossen werden.

Der Redebedarf der Mütter ist groß. Sie erzählen von Albträumen, ratlosen Kindern in der Garderobe, die nicht wissen, in welche Gruppe sie an diesem Tag sollen, von neuen Erziehern, die nichts wissen können. Perko muss zum nächsten Termin. Mitglieder des Finanzausschusses, die nach dem Bildungsausschuss tagen wollen, haben sich Stühle geholt, hinter die Eltern gesetzt und beobachten erstaunt die Debatte. Eine Lösung hat keiner. Aber Adelheid Andreas, die Vorsitzende des Bildungsausschuss, hat eine Idee: einen Extra-Termin, zu dem sie sich mit den Eltern und der Verwaltung noch einmal mit dem Problem beschäftigen will. Auch Angela Kornisch, Leiterin der Grundschule Laubsdorf, bietet an, bei diesem Gespräch vermitteln zu wollen.

Die Eltern fordern, dass eine personell wie pädagogisch verlässliche Betreuung ihrer Kinder nach Kahsel zurückkehrt. Wie sie als Mutter den ständigen Erzieherwechsel spürt, versucht Diana Straszewski  an einem Beispiel zu erklären: „Die Kinder sitzen alle am Tisch. Die Erzieherin kommt mit der Kanne Tee, gießt jedem Kind davon in die Tasse. Weil keines der Kinder Danke sagt, versucht sie, sie mit einem energischen Bitte daran zu erinnern. Aber das funktioniert nicht. Die andere Erzieherin geht auch mit der Kanne von Kind zu Kind. Fröhlicher als ihre Kollegin. Als endlich ein Kind dankt, lobt sie es über alle Maßen. Prompt fällt allen Kindern das höfliche Wort ein, denn sie wollen auch gelobt werden.“

Und zu Hause, so Diana Straszewski, höre sie dann auch wieder:  „Oh, danke, Mami!“

 Vor der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree haben Eltern der Kindertagesstätten Kahsel und Komptendorf gegen den ständigen Erzieherwechsel demonstriert.
Vor der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree haben Eltern der Kindertagesstätten Kahsel und Komptendorf gegen den ständigen Erzieherwechsel demonstriert. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit