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Jubiläum
Einer von noch 34 449 Trabis rollt in Spremberg

Torsten Müller mit seinem 600er Trabant, Baujahr 1964, und dem selbst gebauten Anhänger, in dem er die Hochzeits-Tauben transportiert.
Torsten Müller mit seinem 600er Trabant, Baujahr 1964, und dem selbst gebauten Anhänger, in dem er die Hochzeits-Tauben transportiert. FOTO: Frank Hilbert
Spremberg/Zwickau. Die „Rennpappe“ feiert am 7. November ihren 60. Geburtstag. Bis 1991 rollten rund drei Millionen „Trabi“ in Zwickau vom Band. Torsten Müller aus Spremberg ist in der Lausitz mit seinem 600er in Sachen Liebe unterwegs. Von Frank Hilbert

Der Trabant war in der DDR heiß begehrt, jetzt wird das Kultauto 60 Jahre alt. Am 7. November 1957 war in Zwickau der erste „Trabi“ vom Band des VEB Sachsenring Automobilwerke gelaufen. Bis 1991 wurden insgesamt gut drei Millionen Stück produziert. Zwei Jahre danach fuhren auf deutschen Straßen noch knapp ein Drittel davon. Derzeit sind in der Bundesrepublik noch rund 35 000 der auch „Rennpappe“ genannten Autos zugelassen. Die meisten von ihnen, 8769 Fahrzeuge, fahren in Sachsen.

Brandenburg liegt mit 5640 zugelassenen Trabant auf Platz zwei. Einer davon steht beim Spremberger Torsten Müller in der Garage. „Das ist mein vierter gebrauchter Trabi. Den ersten habe ich 1978 gekauft“, sagt er, der mit 59 Jahren knapp so alt ist wie das Kultauto. Auf einen Neuwagen musste Torsten Müller genauso lange warten wie die meisten DDR-Bürger auch. „Eigentlich wäre ich 1990 dran gewesen, aber dann kam die Wende dazwischen und danach eine Benachrichtigung aus Zwickau, dass ich meinen Trabi abholen könnte“, erinnert er sich.

Im Winter baut Torsten Müller die Batterie seines 600er Trabants aus, damit sie sich nicht entladen kann. Sein Oldtimer ist im Jahr 1964 in Zwickau vom Band gerollt. Zwei Jahre lang hat der gelernte Kfz-Mechaniker seinen „Trabi“ gemeinsam mit einem Freund restauriert.
Im Winter baut Torsten Müller die Batterie seines 600er Trabants aus, damit sie sich nicht entladen kann. Sein Oldtimer ist im Jahr 1964 in Zwickau vom Band gerollt. Zwei Jahre lang hat der gelernte Kfz-Mechaniker seinen „Trabi“ gemeinsam mit einem Freund restauriert. FOTO: Frank Hilbert

Seinen jetzigen himmelblauen Trabant, gebaut im April 1964, hat er 2005 gekauft. „Das ist einer der letzten 600er, bevor der 601er kam. Gemeinsam mit meinem Freund Andreas Ballaschk habe ich ihn wieder aufgebaut, 2007 war er dann fertig“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker, der in Spremberg von 1992 bis 2013 die Autowerkstatt ME topstop betrieben hat. Aus gesundheitlichen Gründen führt sie seitdem sein Sohn Norman weiter.

Zugelassene Trabant in den einzelnen Bundesländern.
Zugelassene Trabant in den einzelnen Bundesländern. FOTO: Hellmann / LR

Wenn man Torsten Müller mit seinem schicken Oldtimer samt Anhänger, den er selbst aus einem alten 500er Trabi-Kombi gebaut hat, auf den Straßen der Lausitz sieht, dann ist wahrscheinlich einer dieser beiden Gründe der Anlass: Entweder er ist zusammen mit den Oldtimerfreunden des MC Spremberg, wo er seit vielen Jahren Mitglied ist, auf einer Ausfahrt. Oder aber er ist in Frack und Zylinder in Sachen Liebe unterwegs. Getreu dem Motto „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kutschiert er nämlich Brautpaare ins Glück. Im Anhänger befinden sich dann zwölf bis 14 schneeweiße Brieftauben, die das Paar fliegen lässt. Er selbst sei 1982 mit seiner Carmen in einem weißen 124er Wolga zum Standesamt gefahren.

Frank Hofmann bietet in seinem  Versandhaus „Trabantwelt.de“ jede Menge Ersatzteile für den Trabant. Er sitzt in einem Trabant 601 S de luxe, der 1990 vom Band lief und zu den letzten Zweitaktern des Typ 601 gehört.
Frank Hofmann bietet in seinem  Versandhaus „Trabantwelt.de“ jede Menge Ersatzteile für den Trabant. Er sitzt in einem Trabant 601 S de luxe, der 1990 vom Band lief und zu den letzten Zweitaktern des Typ 601 gehört. FOTO: Hendrik Schmidt / dpa
Der Trabi wird am 7. November 60 FOTO:

Die Tauben stammen aus eigener Zucht, denn er ist seit 1990 Taubenzüchter in der Reisevereinigung Hoyerswerda und Umgebung. „Ich habe etwas zum Entspannen gesucht und mit Tieren geht das sehr gut.“ Bei  Flugwettbewerben haben seine Vögel seitdem einige Preise eingeheimst.

Die Teile für seinen Trabant bestellt er unter anderem über das Internet bei Frank Hofmann (www.trabantwelt.de). Auch 60 Jahre, nachdem mit dem „P50“ in Zwickau die erste „Pappe“ vom Band lief, fasziniert das Auto mit dem Kulleraugen-Gesicht. „Der Trabi ist einfach ein Auto, das sich abhebt“, sagt Trabi-Fan Hofmann, der selbst einen baligelben P 601 fährt.

Er muss es wissen. Jeden Tag teilt er seine Leidenschaft mit anderen treuen Anhängern des Trabants. Die Teile seines Online-Versandhandels werden übrigens in Kleinserien fabrikneu produziert.

Als er damit 2003 anfing, hätten ihm viele ein schnelles Ende prophezeit, erzählt er. „Damals waren wir zu zweit und hatten drei Kartons voller Teile im Keller stehen.“ Heute vertreibt er 1500 Artikel von der kleinsten Schraube bis zum kompletten Trabi-Motor, füllt damit drei Lager und beschäftigt acht Mitarbeiter.

„Der Trabant ist das Gegenteil unserer technisierten Welt von heute“, schwärmt der Mittvierziger, dem es der Trabi seit Kindheitstagen angetan hat. Es genügten wenige Kenntnisse, um das Kultauto selbst zu reparieren, weil es technisch denkbar einfach aufgebaut sei.

Genau das war die Vorgabe des DDR-Ministerrats aus dem Jahr 1954: Robust, sparsam und preiswert sollte der Kleinwagen sein. Weil Blech in der DDR Mangelware war, entwickelten Konstrukteure die berühmte Kunststoff-Karosserie aus Duroplast.

Aus welch einfachen Mitteln die „Rennpappe“ entstanden ist, schildert der inzwischen verstorbene Trabi-Chefkonstrukteur Werner Lang in einer Dokumentation des Filmemachers Eberhard Görner, die im Frühjahr Premiere feierte. „Wolle auf Asphalt – Das Experiment Trabant“ lief seitdem nicht nur in Programmkinos in Dresden oder Halle, sondern zuletzt auch in der Schweiz. Selbst eine Einladung nach Texas gebe es bereits, sagt Görner.

Das Interesse an dem Kultauto reiche längst über deutsche Grenzen hinaus, bestätigt Frank Hofmann. Die Päckchen mit Trabant-Teilen gehen demnach nach England, Belgien, Ungarn, Russland, Australien und in die USA. Einen Bremszylinder habe er sogar schon bis Namibia verschickt.

Der Zweitakter gilt als Symbol für Sozialismus und Planwirtschaft. Schon kurz nach seiner Erfindung trat die Staatsführung bei der Weiterentwicklung auf die Bremse. Erst ab Ende der 1980er-Jahre wurde ein Viertaktmotor von Volkswagen im Trabant verbaut – da war die DDR jedoch fast am Ende und das übrige Auto bereits hoffnungslos veraltet.

Für Hofmann zahlt sich der fehlende technologische Fortschritt heute aus. „Ich brauche eigentlich keine Nummern aus der Zulassung, weil das meiste zwischen 1958 und 1991 ohnehin deckungsgleich ist“, so der Versandhändler. Die Lieferzeit hingegen habe sich dramatisch verändert, meint er augenzwinkernd: Während DDR-Bürger im Durchschnitt zwölf Jahre auf ihren Trabant warten mussten, hat der Trabi-Fan von heute sein Ersatzteil bereits am nächsten Tag.

Mit aktuell rund 34 500 zugelassenen „Rennpappen“ in ganz Deutschland sei der Trabi nicht nur ein Ost-Ding, sagt Wolfgang Kießling. Er ist Vorsitzender des Internationalen Trabant-Registers. Der Verein hält alle Markenrechte am Trabant und betrieb mit rund 20 Aktiven bis vor wenigen Tagen eine mobile Trabi-Ausstellung. Diese muss nun aus Kostengründen vorerst im Depot des Zwickauer August Horch Museums unterkommen.

Kießling beobachtet vor allem unter jüngeren Menschen ein zunehmendes Interesse, das sich nicht nur mit dem Nostalgiefaktor erklären lasse. Das Kultauto sei auf dem Weg zum Oldtimer, den es möglichst originalgetreu aufzubauen gelte. Eine Wertanlage sei der Trabant zwar noch nicht. Doch für gut restaurierte Modelle wie den Trabant Tramp, die zivile Variante des „Kübel“ der DDR-Armee, würden bereits um die 10 000 Euro gezahlt.

An der Wiege des Trabant laufen indessen die letzten Vorbereitungen für einen großen Auftritt des kleinen Stinkers: Das August Horch Museum wurde erweitert und eröffnet am 10. November eine neue Dauerausstellung. Drei Viertel der hinzugekommenen Fläche gehören zukünftig allein dem Trabant, sagt Museumssprecherin Annett Kannhäuser.

Der allererste Trabi wird zwar nicht zu sehen sein, dafür aber die Nummer 57 aus der Nullserie mit 150 Wagen. Über den Verbleib der Fahrzeuge davor sei hingegen nichts bekannt. Nummer 57 rollte dafür direkt vom Band ins Museum. Die Geschichte des Kultautos wird nun dort erzählt, wo der Trabi vor 60 Jahren im Werk II des VEB Sachsenring los knatterte. (mit dpa)