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| 17:24 Uhr

Eine besondere Art des Beobachtens
Von der Rose zum Nesthocker

 Wolf Kelpinski, Psychologe und Autor aus Welzow, denkt viel nach. Weshalb er im Gesprüch auch mal aufspringt, um etwas nachzulesen.
Wolf Kelpinski, Psychologe und Autor aus Welzow, denkt viel nach. Weshalb er im Gesprüch auch mal aufspringt, um etwas nachzulesen. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Welzow. Wolf Kelpinski hat Geduld mit dem Glück und Geduld mit den Frauen. Als Wissenschaftler, der nie viel Geld hatte, erklärte er seiner Tochter die Welt. Der Psychologe hat viel nachgedacht. Jetzt sucht er einen Verlag. Von Annett Igel-Allzeit

Die Wintersonne macht sich im Fenster des kleinen Arbeitszimmers breit. Regale voller Bücher teilen den Raum, spiegeln sich im Monitor, bedrängen den alten Drehstuhl. Wolf Kelpinski ist mit seinen 75 Lenzen ein schmaler Mann, aber seine Augen leuchten, wenn er sich nachdenklich in den grauen Bart greift und zu erzählen beginnt.

Er hat es mit den Rosen. „Wissen Sie, warum die stachlige Rose die Blume der Liebe ist?“, will er wissen. Hündin Lilly schaut treu unterm Schreibtisch hervor. Die üppigen Rosen – rot-orange neben dem Schreibtisch – sind nicht echt. Aber wunderbar der Natur nachempfunden. Während die Blütenblätter vielschichtig das Innerste umhüllen, erzählt Kelpinski, wie frisch verliebte junge Männer im Blumenladen die geschlossene Blüte  wählen. Wird die Blüte sich öffnen?

Zum dritten Mal ist Kelpinski verheiratet. Er hat Geduld mit dem Glück und Geduld mit den Frauen. Eva im Paradies, die Wolf Kelpinski nach einer Bibel-Übersetzung von Moses Mendelssohn als „Mutter alles Lebendigen“ sieht, habe nichts Böses gewollt. „Sie wollte nur mehr wissen“, sagt er.

Im Winter 1943 wurde er in Berlin geboren. „Ich bin Berliner in der dritten Generation“, sagt er stolz. Aber er war ein TBC-Kind und durfte wegen der Tuberkulose nicht mit anderen Kindern spielen. Mit fünf, sechs Jahren war er in einem rollenden Bett dazu vergattert, still auf das Drumherum zu schauen und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Machte das seine Fantasie so lebendig? Er vermisste den Großvater. „Aus einem einzigen Strohhalm soll er Windmühlen gebastelt haben. Ich hätte so gern gelernt, wie das geht.“ Auch den Vater verlor er zu früh. Nach einem durchschnittlichen Abitur studierte er an der Technischen Universität Berlin Psychologie. „Ich hatte eine maßlose Prüfungsangst. Aber ich setzte auf das Unbewusste.“ Er schloss mit Eins ab, schrieb die Dissertation. „Für meinen Co-Doktor wurde es die beste Arbeit, die er bis dahin gelesen hatte. Der Doktor, der hauptsächlich meine Dissertation bewerten sollte, lehnte sie komplett ab.“

So blieb Wolf Kelpinski ohne Doktortitel, verdiente als Psychologe in der Jugendausbildung und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie seine Brötchen, arbeitete als Psychotherapeut. Auch im Erzieherdienst half „Kelpi“ gern. „Ich liebe Kinder“, sagt Wolf Kelpinski. Und als Wissenschaftler, der nie viel Geld hatte, erklärte er seiner Tochter die Welt, machte aus der Einkaufstour mit dem Fahrrad durch Berlin eine Abenteuerreise und erfand für sie Geschichten. „Nenne mir drei Figuren oder Dinge, die in der Geschichte vorkommen sollen ... Diese Idee habe ich sogar mal Radiosendern für Kinder angeboten.“

Vor zehn Jahren kam er mit seiner Frau nach Welzow, weil er die Mieten in Berlin nicht mehr zahlen konnte. Und so sitzt er – wie einst der TBC-Junge – gern da und denkt. Ihn beschäftigt die Mythologie, die Urgeschichte der Menschen, die Traumdeutung, die sie so früh versucht haben. Und die Bibel, die für ihn ein Buch voller wahrer Geschichten ist, die sich mit historischen Begebenheiten nachvollziehen lassen. Er spricht gern mit Pfarrern über seine Auslegungen. Warum er nicht Theologie studiert hat? „Weil ich nicht singen kann“, sagt er und lacht.

Das mit der fehlenden Bewegung in der Kindheit habe er nachgeholt, erzählt er. Er geht gern spazieren, hat sich sogar eine Weile auf den Marathon vorbereitet. Dass ihn seine Frau Claudia Kelpinski in den vergangenen Wochen nur schwer vom Schreibtisch wegbekommen hat, liegt auch am Manuskript. „Jetzt ist es fertig, ich fühle mich frei“, sagt Wolf Kelpinski. Noch hat er es keinem Verlag angeboten. „Die Weitsicht“ könnte der Titel sein und „Weiter denken  – mehr erkennen“. Die Methode, die er in seiner Dissertation zum ersten Mal beschrieben hat, erläutert er an Beispielen.

Veröffentlicht hat er schon Geschichten. In der Anthologie „Brücken des Herzens“ des Autoren-Stammtisches in Cottbus zum Beispiel. 2011 war im Regia-Verlag sein Buch „Carlas Auftrag und andere Geschichten vom Wolfsberg“ erschienen. Kein Bestseller, aber da er darin von seinen Ideen zur Rose schreibt, wurde er zur Lesung in den Forster Rosengarten eingeladen. Und auf der Lesebühne des Archäotechnischen Zentrums (ATZ) Welzow hat er 2018 den „Lese-Elch“ gewonnen. Der Elch sei übrigens ein Nestflüchter, sagt Kelpinski. „Er kann sofort laufen, während der Eisbär ein Nesthocker ist.“ Das hat sich Wolf Kelpinski beim Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Aufzucht und Jagdverhalten von Tieren klargemacht. Die Grenze verlaufe genau zwischen dem Kaninchen, einem Nesthocker, und dem Feldhasen. Nur der Triel, ein Schnepfenvogel, tanze aus der Reihe.