ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:44 Uhr

Ein Spaziergang durch Jessen

Christian Paulisch arbeitet an einem Buch über seine Heimat Jessen.Diese Idylle im einstigen Ort Jessen bei Spremberg ist derzeit auch in der Ausstellung „Rückblick“ im Spremberger Heidemuseum zu sehen. Die Erinnerung, die zum Ende des Jahres erscheinen soll, verspricht viele neue alte Fotos.
Christian Paulisch arbeitet an einem Buch über seine Heimat Jessen.Diese Idylle im einstigen Ort Jessen bei Spremberg ist derzeit auch in der Ausstellung „Rückblick“ im Spremberger Heidemuseum zu sehen. Die Erinnerung, die zum Ende des Jahres erscheinen soll, verspricht viele neue alte Fotos. FOTO: aniFoto: Heidemuseum
16 Jahre alt war Detlef Paulisch, als er seinen Heimatort Jessen verlassen musste. Der Braunkohle wegen, die unter dem Dorf lag. „Wir haben noch Fotos, wie Oma vor den Trümmern des Hauses steht“ , sagt der heute 52-jährige Ingenieur. Als die Braunkohle unter Jessen gefördert werden sollte, war Paulisch alt genug – „es klingt für Außenstehende paradox, aber ich habe damals mitgeholfen, den Ort abzubaggern.“ Und heute? Dem Bergbau ist er beruflich treu geblieben. Und er sammelt Fotografien, Geschichten und Erinnerungen von Jessen. Zusammen mit dem 38-jährigen Christian Lucia arbeitet er an einem Buch über seinen Heimatort. Von Annett Igel

Bei Geschichtsrecherchen haben sich der Spremberger Detlef Paulisch und Christian Lucia aus Auras getroffen. Während Christian Lucia, der im Tagebau beim Munitions- und Bergungsdienst arbeitet, die Kampfhandlungen in der Lausitz während des Zweiten Weltkrieges recherchierte, versuchte Paulisch, mehr über seinen Heimatort Jessen herauszufinden. Lucia wollte mit seinen Erfahrungen im Herausbringen von Büchern helfen und arbeitet nun zusammen mit Paulisch unter dem Arbeitstitel „Erinnerung an Jessen (1346 bis 1972) - ein Dorf in Bildern“ , so der Arbeitstitel ihres gemeinsamen Werkes. „Es soll ein Spaziergang werden - durch das Dorf“ , erklärt Detlef Paulisch. Die einzelnen Straßenzüge sollen durchlaufen werden, das Gut, die Ziegelei, die Schule, die Kirche, der Kindergarten, der Friedhof. Zwei Gaststätten, zwei Bäcker, eine Schmiede und eine Fleischerei soll Jessen mal gehabt haben und einen Kolonialwarenhändler an der "Kuhklaue". „Aus vielen Fotos, das älteste um das Jahr 1914 herum aufgenommen, das jüngste in der Abrissphase fotografiert, müssen die Besten und Aussagekräftigsten herausgesucht werden“ , erklärt Christian Lucia. 300 bis 400 Bilder seien es inzwischen. Zusammen mit der Großräschener Druckerei werde überlegt, welche genommen werden.
„Gerade haben wir eine ganze Kiste mit Negativen aus dem Besitz des letzten Pfarrers von Jessen, Pfarrer Nippert, bekommen. Zu seinen Söhnen haben wir einen guten Kontakt“ , bestätigt Paulisch. Die Tochter des ehemaligen Dorfschulehrers habe ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Sie wissen, dass Eckbert Kwast im Niederlausitzer Heidemuseum die Seitentür der Jessener Kirche aufbewahrt und in der Spremberger Kreuzkirche der Altar und der Taufstein der Jessener stehen. Auch die Terper wurden schon kontaktiert. Denn wie Christian Paulisch bestätigt, stamme die alte Handdruckspritze, mit der die Terper nach einer Sanierung an Präsentationen und Wettbewerben teilnehmen, aus dem abgebaggerten Jessen. "Sie wurde geborgen, bevor der Bagger kam", so Paulisch. Die Jessener Feuerwehr wäre im Jahr 2009 genau 100 Jahre alt geworden. „Man darf nicht gleich beim ersten Nachfragen auf alte Fotos von den ehemaligen Jessenern hoffen, sondern man muss ihnen etwas Zeit lassen und mal wieder bei ihnen vorbeischauen. Dann haben sie ganz gewiss nachgesehen und etwas gefunden“ , erklärt Lucia.
Auch Detlef Paulisch braucht nur etwas Ruhe, Zeit für einen Blick über die Felder hinterm Grundstück an der Senftenberger Straße in Spremberg oder eine Esskastanie auf dem Gartentisch - dann kommen die Erinnerungen. Daran, wie er als Junge mit dem Fahrrad in den Teich fiel. Dass Ess kastanien im Gutspark standen und die Kinder dort toll rodeln konnten. An die Wulschina, den schönen Platz mit den Hirschkopfeiche südwestlich von Jessen. Oder wie Frauen in sorbischer Tracht aus Tepe zur Jessener Kirche kamen.
Wie die Bewohner anderer abgebaggerter Ortschaften treffen sich auch die Jessener regelmäßig, um ihre Erinnerungen auszutauschen und zu sehen, was aus jedem Einzelnen geworden ist. „Unser Heimatverein befindet sich in Gründung“ , erklärt Detlef Paulisch. Er mag die Treffen, lauscht gern den alten Geschichten. Fotos und ein Film sind den Jessenern bei den Treffen schon gezeigt worden. Aber eine gebrannte CD-Rom könne schnell einen Kratzer bekommen, sagt der 38-Jährige Lucia. Da ist solch ein Buch, was er als Ringbuch binden lasse wolle, schon was Handfestes. Nicht nur die Jessener, die bisher keine Chronik über ihren Ort haben, sollen sich über das Buch freuen. Auch Fremde sollen sich nach der Lektüre im einstigen Jessen orietieren können. Lucia weiß, dass der erste Plan von 160 Seiten überschritten werden wird - zu wenig für ein Dorf, das zuletzt 625 Bewohner hatte und heute 662 Jahre alt wäre.
Wer - ob aus dem alten Jessen oder auch aus einem der Nachbardörfer - noch Fotografien hat oder Geschichten über den Ort erzählen kann, sollte sich einfach an Detlef Paulisch wenden.