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Die Wattwerte klebten am Lenker

Kurvenreich war die Abfahrt vom Jauferpass. Sören Lehmann im roten Trikot genießt trotzdem auch die Landschaft.
Kurvenreich war die Abfahrt vom Jauferpass. Sören Lehmann im roten Trikot genießt trotzdem auch die Landschaft. FOTO: Alpecin Cycling
Spremberg. Der Ötztaler Radmarathon hat dem Spremberger Sören Lehmann verdammt gut getan. Nichts tut ihm weh. Annett Igel-Allzeit

Drei Tage nach den 238 Kilometern und 5500 Höhenmetern in neun Stunden und sechs Minuten springt der 27-Jährige die Treppen hoch und runter. Er lacht und zuckt mit den Schultern. "Am Dienstag habe ich schon wieder gearbeitet." Klar, die Besten blieben knapp unter sieben Stunden. Er hat sich an die Tipps seines Trainers und einstigen Radrennfahrers Jörg Ludewig gehalten und die Wattzahlen, die er sich für die einzelnen Abschnitte auf den Lenker geklebt hatte, beherzigt. "Dass ich durchkomme, wusste ich schon am Start. Ich wollte es unbedingt", erklärt er.

Die Aufregung vorm Start nahm ihm ein Mitfahrer. "Ich habe in meiner Vorbereitungszeit bereits fleißig in meinem Blog im Internet geschrieben. Viele haben mich deshalb erkannt, mich angesprochen." So schwatze er am Start mit einem anderen Fahrer fast 20 Minuten, bevor sich am Sonntagmorgen um 6.45 Uhr alle in Bewegung setzten. Die ersten 20 Kilometer habe er wie eine Meditation empfunden: "Die Sonne schien. Es ging erst einmal nur bergab. Alle waren still. Wir hörten nur das Rollen der Räder", erzählt der Spremberger.

Sören Lehmann gehörte für den Ötztaler Radmarathon zum Alpecin-Team. Sein Trainer Ludewig versucht seit dem Ende seiner aktive Rennfahrer-Karriere, Hobbysportlern den Spaß am Radfahren zu vermitteln. Zehn machte er in diesem Jahr in fünf Monaten wieder fit für den Ötztaler Marathon. "Positiv verrückt", wie Sören Lehmann das nennt, waren sie alle. "Die Jüngste in unserem Team war eine 24-Jährige. Siggi, der es ein zweites Mal wissen wollte, ist 60." Ein Teamkollege, der wegen einer Schulterverletzung kurzfristig nicht starten konnte, kam trotzdem nach Österreich. "Er versorgte uns auf dem Kühtai, dem ersten Pass, mit Getränken." Das intensive Training auf dem Ergometer in der Garage, auf den flachen Strecken für die Grundausdauer und in den Bautzener Bergen war so wichtig. "238 Kilometer lang leiden? Nö, nach dem intensiven Training konnte die Tour auch genießen." Denn die Landschaft fasziniert. "Das ist schön an meinem Sport, ich bin in der Natur." Am Kühtai fiel es ihm nicht leicht, sich an den Wattwert zu halten. "Am Anfang hat man noch viel Kraft. Aber viele, die da übermütig an einem vorbeifahren, holt man später wieder ein." Der Brennerpass hat mit sechs Prozent nur eine geringe Steigung, aber die Fahrer sind da sehr windanfällig. "Um da nicht zu viel Kraft zu verlieren, habe ich mir eine größere Gruppe gesucht." Tückisch aber sei der Jaufenpass. "Oben sind fast alpine Verhältnisse. Aber die Abkühlung tat mir gut. Ich kam an die übliche Wattzahl nicht heran, weil mit dem abnehmenden Sauerstoff die Leistungsfähigkeit sinkt", erinnert sich der 27-Jährige. Aber genau an diesem Gipfel standen dann Mutter Annette Lehmann und der Onkel. "Das war ein mentaler Schub für mich." Nach der kurvenreichen Jaufenpass-Abfahrt ging es zum Timmelsjoch in 2509 Metern Höhe. Aber dann rollte Sören Lehmann nur noch glücklich nach Sölden. "Die Fahrer vor und nach mir waren eine Minute entfernt. Ich hatte den Jubel auf der Zielgeraden ganz für mich allein." In seiner Wertung hat er es auf Platz 247 geschafft.

Keine Frage, den Ötztaler Marathon wagt er noch einmal. Aber jetzt arbeitet er erst einmal wieder im Fitness-Center Medic 2000, überlegt, ob er auf seinen Master in Betriebswirtschaftslehre noch ein Studium draufsattelt.