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Die Technik kann heute mehr als Blindenschrift

Schüler der 5 L des Strittmattergymnasiums versuchen, blind mit dem Lineal zu arbeiten. Beim Orientieren helfen Punkte auf der Skala.
Schüler der 5 L des Strittmattergymnasiums versuchen, blind mit dem Lineal zu arbeiten. Beim Orientieren helfen Punkte auf der Skala. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Mit geschlossenen Augen lässt sich Pfefferminz von Thymian unterscheiden. Ob die Kräuter Wasser brauchen, ertasten die Finger. Annett Igel-Allzeit

Aber blind einen Streifen Papier mit dem Lineal vermessen, Perlen auf eine Schnur fädeln, mit dem Blindenstock Hindernisse umgehen? Das probierten am Tag der Menschen mit Sehbehinderung Neugierige im Bullwinkel. Zum achten Mal hatte am Donnerstag Augenoptikermeisterin Heike Woucznack mit ihrem Team und der Stadt zum Aktionstag eingeladen. Regina Haar und Anja Brettschneider vom Blinden-und-Sehbehinderten-Verband Brandenburg kamen. Die Freiwilligenagentur und Sprungbrett-Schüler der BOS halfen. Jörg Paukstadt, Geschäftsführer der Lebenshilfe Region Spremberg, kam mit Bürgern ins Gespräch. Christina Bieder, Sprembergs Gleichstellungsbeauftragte, hatte Annett Noack, Integrations- und Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, mitgebracht.

Zeit für Schülerfragen nahm sich Lorenz Rauser von der Optikfirma Eschenbach. Er zeigte denen, die beobachtet hatten, dass Oma nur noch Schlagzeilen liest, Lupen, und erklärte, warum ein mobiles Lesegerät mit 700 Euro viel mehr als ein Handy kostet. Anja Brettschneider zeigte im Hotel "Zur Post", das die Versorgung übernahm, was man mit Diabetischer Retinopathie noch sieht. Gibt es eine Chance, dass Taxikosten übernommen werden, wenn ein Sehbehinderter nicht anders weiterkommt? Welche Krankenkassen tragen die Kosten für Lesegeräte? Der Sehhilfenberater Martin Jödicke vom Optikunternehmen Schweizer hatte ein Vorlesegerät dabei, das eine Buchseite abfotografiert und vorliest: "Man muss nur noch blättern." Während in Spremberg laut Optometrist Brian Fröhlich schon 250 Lesebildschirmgeräte vermittelt worden, seien die Vorlesegeräte noch rar. Einem Senior, der ihm im Bibliothekszimmer erklärt hatte, dass er trotz Sehbehinderung diese Bücher noch mal lesen will, hilft es. "Seine Frau bedankte sich. Früher habe ihr Mann den ganzen Tag übers Fernsehprogramm geschimpft. Nun genießt er unter Kopfhörern die Bücher", so Fröhlich.