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| 18:37 Uhr

Die späte Erinnerung ist ein Anfang

Die Tafel zu Peter Jokostra ist schon festgeschraubt – als sich Bürgermeisterin Christine Herntier (3. v. r.), die Fraktionsvorsitzende der Vereinten Wählergruppen, Christina Schönherr (r.), und Mitglieder des Tourismusvereins Spremberger Land, zur Einweihung treffen.
Die Tafel zu Peter Jokostra ist schon festgeschraubt – als sich Bürgermeisterin Christine Herntier (3. v. r.), die Fraktionsvorsitzende der Vereinten Wählergruppen, Christina Schönherr (r.), und Mitglieder des Tourismusvereins Spremberger Land, zur Einweihung treffen. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Die Spremberger erinnern sich spät an den Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Jokostra (1912 -2007) – keine Frage. Aber mit der Tafel, die am Freitag an seinem Geburtshaus Lange Straße 35 angebracht wurde, wird er zur Nummer 1 in einer Tafelreihe, die der Tourismusverein Spremberger Land für die Stadt plant. René Wappler und Annett Igel-Allzeit

Dass sie das Werk von Peter Jokostra jetzt entdecken durfte, nennt Christina Schönherr, die Fraktionsvorsitzende der Vereinten Wählergruppen, eine echte Bereicherung. "Was er als Jugendlicher und junger Erwachsener beim Gang durch die Stadt oder beim Blick aus dem Fenster beobachtet hatte, verarbeitete er in seinen Büchern. Seine Zeit im Gymnasium, die Häuser hinterm Markt - das ist schon spannend." Natürlich kam sie am Freitag zur Tafelenthüllung in die Lange Straße - wie auch Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) und mehrere Mitglieder vom Tourismusverein Spremberger Land. Und während Frank Meisel noch schnell ein Enthüllungstuch organisierte und die Bürgermeisterin die Hoffnung äußerte, dass die Tafel die Spremberger dazu animiert, noch mehr solcher Orte in der Stadt Spremberg vorzuschlagen, war die rüstige Seniorin Gisela Mildner verärgert: "Wieso hängt denn die Tafel schon, sie sollte doch erst 13.30 Uhr angebracht werden." Aber etwas früher angeschraubt ist besser als nie.

Ohnehin ist es spät, dass sich die Stadt Spremberg an den Schriftsteller Peter Jokostra erinnert: Darauf weist der Autor Klaus Krause hin, der sich mit weiteren Literaturfreunden für das Andenken des Dichters in Spremberg einsetzt. Die Kreisbibliothek hält seit 2002 eine Sammlung der Werke von Peter Jokostra bereit. Doch ausgerechnet das einstige publizistische Zentralorgan der DDR, das Neue Deutschland, so Krause, widmete dem Gegner des kommunistischen Regimes schon im Jahr 1992 eine ganze Seite. Das wirke im Rückblick "geradezu revolutionär", urteilt Klaus Krause. "Manchmal braucht es Zeit, ehe Erinnerung sich Bahn bricht."

Der Apothekersohn

Peter Jokostra war unter seinem bürgerlichen Namen Heinrich Knolle als Sohn des Stadtapothekers in Spremberg aufgewachsen. "Seine Vorliebe für Literatur wurde hier schon früh im Literarischen Verein des Realgymnasiums geweckt", berichtet Klaus Krause. Nach dem Abitur im Jahr 1931 studierte Knolle unter anderem Germanistik und Kunstgeschichte, ehe die Machtübernahme der NSDAP seine weiteren Pläne durchkreuzte. Eine letzte Lesung aus eigenen Gedichten habe noch im Hotel "Sonne" stattgefunden - kurz vor der Bücherverbrennung im Mai 1933, weiß Krause.

Peter Jokostra brach sein Studium ab und übernahm im Jahr 1935 als Landwirt einen Hof in Mecklenburg. Zum Kriegsdienst einberufen, erlebte er als Infanterist "unmittelbar das Inferno der Winterschlacht vor Moskau", wie Klaus Krause erläutert. Dem Grauen des Krieges habe er sich eine Zeit lang durch eine simulierte Geisteskrankheit entzogen. Im Jahr 1946 kehrte Peter Jokostra nach Spremberg zurück, arbeitete als Kreisschulrat und Kulturreferent und wirkte im Kulturbund mit.

Nach der Gründung der DDR geriet er in Konflikt mit der kommunistischen Ideologie. Seine langjährige Freundschaft mit dem anderen, berühmteren Spremberger Schriftsteller Erwin Strittmatter zerbrach. Er sah seine Literatur als "dekadent" gebrandmarkt und floh im Jahr 1958 in die Bundesrepublik.

Klaus Krause konnte nicht zur Tafelenthüllung kommen. Auch der Literaturfreund, Herausgeber und Autor Matthias Stark, der zudem eng mit dem Erwin-Strittmatter-Verein zusammenarbeitet, ließ sich für den kurzfristigen Termin entschuldigen, lobte aber den Akt und besonders Christina Schönherr: "Ohne ihren persönlichen Einsatz wäre die Realisierung nicht möglich gewesen. Die Gedenktafel für Peter Jokostra ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass auch verdrängte oder vergessene Literaten einen Platz im kulturellen Gedächtnis haben.

Die erste Tafel von vielen

Wie Andreas Bränzel, Vorsitzender des Tourismusvereins Spremberger Land, erklärt, ist die Tafel für Jokostra die erste von möglichst vielen. "An mehr Häusern sollen Tafeln auf die Geschichte, auf Persönlichkeiten hinweisen. Unsere Arbeitsgruppe Schilder arbeitet daran. Nach Jokostras Geburtshaus haben wir schon mehr als 30 weitere Orte zusammengetragen. Unter dem QR-Code und der Nummer der Tafel sollen Besucher weitere Informationen finden", so Bränzel. Realisiert werden konnte die Jokostra-Tafel mit Spenden.